Schwerpunkt Fachkräfte in der Softwareentwicklung 12.02.2019, 13:06 Uhr

Chris Tanner von AdNovum erklärt, wie er dem Fachkräftemangel in der Softwarebranche begegnet

In der Softwarebranche fehlen Tausende Entwickler. Im Interview erklärt AdNovum-CEO Chris Tanner, wie er die Lage am Fachkräftemarkt einschätzt und welche Ansätze sein Unternehmen verfolgt, um Kundenprojekte dennoch realisieren zu können.
Chris Tanner, CEO, AdNovum
(Quelle: AdNovum)
Computerworld: Verbände wie ICT-Berufsbildung Schweiz schlagen Alarm. Der Schweizer IT-Wirtschaft fehlen die Fachkräfte. Wie bewerten Sie die Situation?
Chris Tanner, CEO, AdNovum: Die Lage am Fachkräftemarkt verschärft sich laufend und dies beschränkt sich auch nicht auf die Schweiz. Es ist vielmehr ein internationales Problem. Wir spüren das an unseren Standorten weltweit. Dabei muss man unterscheiden zwischen erfahrenen Fachleute und Studienabgängern, die in den Beruf einsteigen wollen. Es gibt zu wenige Absolventen um die Nachfrage am Markt zu decken. Wir übernehmen gerne Abgänger von den technischen Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen. Hier sind wir gut positioniert als attraktiver Arbeitgeber und können unsere Nachfrage hierüber abdecken.
CW: Weshalb wollen Absolventen bei Ihnen anfangen?
Tanner: Nicht alle wollen zu US-Grössen wie Google. Als lokaler Player haben wir sogar einen Vorteil mit unserer schweizerischen Arbeitskultur. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien und schauen, dass wir Mitarbeiter langfristig halten und sich diese weiterentwickeln können. Bei unseren Projekten ist klar, wer was dazu beitrug. Das erzeugt natürlich einen gewissen Berufsstolz und trägt wesentlich zur Zufriedenheit der Mitarbeitenden bei. Es ist schön, wenn man bei einem Erfolg einen Schulterklopfer von den Kolleginnen und Kollegen erhält.
CW: Wie sieht es mit Lehrabgängern aus? 
Tanner: Wir bilden selbst Applikationsentwickler und Systemtechniker aus. Die Lernenden belegen an der Gewerbeschule ein Grundjahr, wo sie die theoretischen Grundlagen für den Beruf erhalten. Danach arbeiten sie drei Jahre bei uns im Betrieb und machen ihren Lehrabschluss. Anschliessend schauen wir, dass sie sich weiterbilden, etwa an einer Fachhochschule. Der Grund ist, dass unsere Projekte komplex sind und wir entsprechend darauf achten, dass wir Mitarbeitende auf Hochschulniveau beschäftigen.
CW: Ist die Lehre zu wenig für eine Karriere in der IT?
Tanner: Bei den Systemtechnikern ist die Lehre ausreichend. Mit einer Ausbildung zum Applikationsentwickler ist es hingegen nicht getan. Für diesen Beruf braucht es zusätzliches Fachwissen. Bei uns arbeiten Leute, die sich nach der Lehre in der Softwareentwicklung weitergebildet haben. Es braucht hier auch eine gewisse Seniorität. Denn wir arbeiten eng mit dem Kunden zusammen. Lehrabgänger sind typischerweise um die 20. Da macht es Sinn, wenn sie sich zusätzliches Wissen  und Reife aneignen.
CW: Wie kommen Sie an externe Spezialisten mit viel Erfahrung?
Tanner: Deren Rekrutierung ist schwerer geworden. Gute Leute mit Erfahrung, die wechseln wollen, gibt es zur Zeit nur wenige.
CW: Was bedeutet das wirtschaftlich für Ihr Unternehmen, beispielsweise für die Lohnpolitik? Inwiefern können Sie sich erfahrene Fachleute überhaupt leisten?
Tanner: Da es viele offene Stellen gibt, bewegen wir uns momentan an einem Mitarbeitermarkt. Wir bezahlen branchenübliche, vernünftige Löhne. Geld ist aber nicht unser einziges Argument. Wir bieten einen Mix aus spannenden Projekten, Firmenkultur und natürlich auch finanziellen Anreizen. Wir suchen permanent nach Softwareingenieuren. Um Fachkräfte an Bord zu holen, haben wir über zehn Stellen permanent ausgeschrieben. Wenn sich jemand auf eine davon bewirbt, laden wir die Person ein und wenn es für beide Seiten passt, stellen wir sie oder ihn ein. Ergänzend setzen wir punktuell auf Werbekampagnen, um potenzielle Mitarbeitende auf uns aufmerksam zu machen.
CW: Das klingt entspannt und nicht gerade nach einer Krise am Fachkräftemarkt.
Tanner: Den Druck gibt es schon, wir mussten auch schon wegen mangelnden Kapazitäten das ein oder andere Projekt ablehnen. Grundsätzlich haben wir aber eine gewisse Elastizität, um diesen Druck abzufedern. Wir pflegen ein Beziehungsnetzwerk und können hierüber Freelancer und Partner in Projekte einbinden. Hinzu kommen unsere internationalen Standorte beispielsweise in Ungarn oder Portugal, wo wir auf weitere firmeninterne Spezialisten zurückgreifen können.
CW: Inwieweit helfen Ihnen die ausländischen Standorte dabei, Engpässe bei Projektanfragen zu überwinden?
Tanner: Die Auslandstandorte unterstützen uns bei der Rekrutierung und beim Wachstum des Unternehmens. Ein Auftrag wird zunächst hier in der Schweiz verarbeitet. Hier ist Kundennähe gefragt, beispielsweise für Nachfragen und Diskussionen. Wenn das Projekt startet, wissen wir, wo wir intern die Fachleute für die Umsetzung haben. So kann es vorkommen, dass wir in Budapest einen Spezialisten für eine bestimmte Aufgabe vor Ort haben, der uns unterstützen kann. Wir bewerkstelligen auch agile Projekte über mehrere Standorte hinweg. Absprachen finden dann über Videokonferenzen statt. Ein Schlüssel zum Erfolg ist, dass wir unsere Near-Shoring-Standorte mit Schweizer Mitarbeitenden aufbauen. Diese implementieren die Werte unseres Unternehmens und sorgen dafür, dass wir überall Software in Swiss Engineering Quality produzieren.
CW: Sie etablieren Schweizer Arbeitskultur in ihren Filialen im Ausland. Was lernen Sie wiederum von den Near-Shoring-Standorten?
Tanner: Wir rekrutieren Leute, die Spezialisten in ihrem Gebiet sind. Das bringt die Firma auf fachlicher Ebene weiter. Kulturell profitieren wir von der Diversität, die sich durch die Internationalisierung ergibt. Bei AdNovum werden 20 Sprachen gesprochen. Wir pflegen zudem ein Austauschprogramm namens Technical Exchange Dude (TED). Mitarbeiter können für drei Monate den Standort innerhalb der Firma wechseln und dadurch neue Erfahrungen sammeln. Auf diese Weise fördern wir sowohl den Kultur- wie auch den Technologieaustausch. Durch die Internationalisierung lernt man auch viel über die Eigenheiten beim geschäftlichen Umgang in den jeweiligen Ländern. Mit einem ungarischen Kunden beispielsweise muss man diplomatischer diskutieren, als mit einem deutschen. Das sensibilisiert im Umgang mit Kunden aus verschiedenen Ländern und man kann sich besser auf sie einstellen.
Zur Person
Chris Tanner
arbeitet seit 1995 beim Software-Entwickler AdNovum. Der diplomierte Elektroingenieur und Executive MBA baute ab 2008 die Präsenz im ungarischen Budapest aus und leitete den Standort, bis er 2014 als CEO nach Zürich wechselte. AdNovum zählt heute rund 600 Mitarbeitende und ist in der Deutsch- und Westschweiz sowie in Europa und Südostasien vertreten. Zu den Kunden zählen neben Behörden Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Finance und Versicherungen. 


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