DSAG und IG SAP CH 25.11.2019, 14:30 Uhr

SAP bewegt sich auf Schweizer Kunden zu

An einem gemeinsamen Meeting der DSAG und der IG SAP sowie dem ERP-Hersteller gab es weniger Konfrontation als auch schon. SAP bewegt sich offenbar auf die Schweizer Kunden zu.
Peter Hartmann von der IG SAP begrüsste rund 120 Teilnehmer aus SAP-Anwenderfirmen in Regensdorf
(Quelle: computerworld.ch)
Die Integration der verschiedenen Software-Pakete sowie die Migration der ERP-Lösungen auf die aktuelle Programmversion waren zuletzt viel diskutiert von SAP-Anwendern. SAP hatte in den vergangenen Jahren mehrere markführende Lösungen eingekauft, dabei aber die Integration zu einer umfassenden Business Suite vernachlässigt. Das führte zu Misstönen bei den Anwendern: Sie mussten Stammdaten doppelt führen, vermissten Schnittstellen und bemängelten den Datenaustausch zwischen den (SAP-)Produkten. Parallel will der Hersteller seine Kernlösung modernisieren. Dafür sollen bitte alle Kunden bis 2025 ihre ERP auf S/4 migrieren. Abseits des Wunsches von SAP, seine Kunden immer mit der besten Software beliefern zu wollen, sah die Mehrzahl der Kunden keinen Grund für den Wechsel ihres Kernsystems. Insbesondere keinen geschäftlichen Mehrwert. So liessen und lassen sie sich Zeit mit der Migration. Im Juli 2019 hatte SAP nach eigenen Angaben von global insgesamt 35'000 Installationen erst rund 12'000 Kunden auf dem S/4-Produkt. Gemäss Umfrage der IG SAP aus dem April dieses Jahres sind noch nicht einmal 10 Prozent der SAP-Kunden mit S/4Hana produktiv.
Die Zeichen standen auf Konfrontation. Nun schlug die neue SAP-Geschäftsleitung aus Jennifer Morgan und Christian Klein versöhnlichere Töne an: Man wolle an der besseren Integration der Produkte arbeiten. Und: «SAP diskutiert das Wartungs-Ende 2025 mit der DSAG und informiert zu gegebener Zeit», sagte Klein an der Medienkonferenz am Rande des DSAG-Kongresses im September. Die Interessengemeinschaft SAP Schweiz (IG SAP CH) fordert das schon lange. «SAP muss den Druck wegnehmen. Die Kunden sollen entscheiden, wann die Zeit reif ist und ein Business Case steht», wiederholte sich Sprecher Peter Hartmann an einem Treffen des DSAG CIO-Kreises und der IG SAP.
Von Seiten SAP gab es an dem Anlass ebenfalls versöhnliche Töne: Die beiden Schweizer Anwendergruppierungen seien wichtige Impulsgeber für die Optimierung der SAP-Landschaften sowie für die Integration und die Migration auf S/4, sagte der Schweizer SAP COO Stefan Inderbitzin. Diese Tonlage gefiel den rund 120 Vertretern aus Anwenderunternehmen, die an den Anlass nach Regensdorf gereist waren.
In seiner Einführungsbotschaft stellte IG SAP Sprecher Peter Hartmann fest, dass in der Schweiz immer noch sehr wenig produktive S/4Hana-Kunden unterwegs sind. «Es ist nach wie vor schwierig, einen Kunden zu finden, der über sein S/4-Projekt sprechen will», sagte er. Diese Aufgabe übernahm Harald Dörnbach, Geschäftsführer der Viessmann IT Services aus Deutschland.

Big Bang an Ostern

Die Migration bei dem deutschen Industriekonzern ist knapp ein halbes Jahr her: An den Osterfeiertagen wurde in einem «Big Bang» das Altsystem abgeschaltet und die neue ERP-Software gestartet, sagte Dörnbach. Wie so viele seiner Kollegen habe auch er sich schwergetan, der Eigentümerfamilie einen tatsächlichen Geschäftsnutzen durch die Migration aufzuzeigen.
Den Business Case definierte Dörnbach schliesslich gemeinsam mit den Fachbereichen: Dank der Unterstützung der Konzernleitung konnten die im ERP abgebildeten Geschäftsprozesse hinterfragt und teilweise neu aufgesetzt werden. Dafür wurden «Global Process Owner» benannt, die fortan für die Standardisierung der Prozesse eine End-to-End-Verantwortung übernahmen. Damit war auch klar, dass eine «Brownfield»-Migration für Viessmann nicht infrage kam. Der CIO und seine 185 Kollegen in der IT-Organisation verwendeten ein Migrations-Tool des Dienstleisters cbs für die Transformation der Geschäftsprozesse in das S/4-System. Dörnbach sprach von einem «Greenfield»-Ansatz mit einigen individuellen Anpassungen – einer «Matschwiese»-Migration. Aus dem zentralen Altsystem für 28 Fertigungsstätten in 34 Ländern mit 190 Buchungskreisen auf Basis einer Oracle-Datenbank wurde ein neues, leeres S/4.
Harald Dörnbach von Viessmann hatte gut lachen: Er hat die Migration auf S/4 bereits geschafft
Quelle: computerworld.ch
Während die Migration des Kernsystems fast reibungslos funktionierte, mussten bei einigen der Add-ons noch zusätzlich Ressourcen aufgewendet werden. Die Add-ons waren nach Aussage Dörnbachs teilweise nicht kompatibel zum S/4-Release. Mehr noch: Die Anbieter erachteten S/4 als neues Produkt, so dass für die Updates noch ungeplant Kosten hinzukamen. An die Adresse von SAP sandte der Viessmann-Manager dann auch die Bitte, der Hersteller solle auch seine Partner und Zulieferer für die neuen ERP-Releases fit machen.

«Überraschend problemlose Migration»

Trotz dieser unvorhergesehenen Hürde konnte Viessmann am Osterwochenende vom 19. bis 22. April 2019 schliesslich noch die Geschäftsdaten in das neue System laden: Migriert wurden 6104 Business Objects mit rund 35 Millionen Datensätzen in 37'276 Tabellen. Als die weltweit rund 6000 SAP-User von Viessmann am Dienstag nach Ostern an den Arbeitsplatz zurückkehrten, arbeiteten alle Systeme. «Produktion, Versand, Lager – sämtliche Bereiche liefen ohne Unterbrechung unter Volllast weiter. Eine so problemlose Migration war für mich auch überraschend», sagte Dörnbach.
Die DSAG und die IG SAP CH unterstützen die SAP-Kunden bei der Migration nach S/4. Am Meeting wurden weitere Kernthemen mit SAP diskutiert, darunter Praxisreferate über Einsatz von Fiori und Einführung von BW/4Hana.


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