Buchhaltung und ERP 09.07.2020, 15:00 Uhr

QR-Rechnung: Sind die Software-Hersteller parat?

Die QR-Rechnung ist da. Sie verspricht eine Vereinfachung des Zahlungsverkehrs in der Schweiz. Aber noch nicht alle Software-Hersteller unterstützen das neue Format komplett.
Die neue QR-Rechnung bereitet offenbar einigen Software-Herstellern Kopfschmerzen
(Quelle: SIX)
Seit Anfang Juli kann in der Schweiz mit der QR-Rechnung bezahlt werden. Das neue Format soll in den nächsten Monaten und Jahren die verschiedenen Einzahlungsscheine ablösen – und den Zahlungsverkehr vereinfachen. Der Dienstleister SIX als Betreiber der Infrastruktur für den Finanzplatz Schweiz hat die QR-Rechnung gemeinsam mit den Banken entwickelt. Für die Anbieter betriebswirtschaftlicher Software liegen seit Herbst vergangenen Jahres die Implementierungsvorschriften (PDF) vor. Denn auch die Buchhaltungsprogramme der Rechnungssteller sowie -Empfänger müssen mit der QR-Rechnung umgehen können.
Den Software-Partnern komme bei der Einführung der QR-Rechnung eine «entscheidende Rolle» zu, mahnt SIX. Denn sie seien die «Drehscheibe» zwischen den Firmenkunden und den Finanzinstituten. Die gemeinsamen Pläne des Finanzplatzes Schweiz seien definiert, weshalb auch die Termine für Software-Hersteller «verbindlich» sind, betont der Finanzdienstleister. Denn letztendlich müssten alle Rechnungsempfänger befähigt sein, ab sofort eine QR-Rechnung zu bezahlen.
Nun hatten die Software-Entwickler mehr als ein halbes Jahr Zeit, um ihre Programme für die QR-Rechnung fit zu machen. Die Arbeiten dürften anspruchsvoll gewesen sein, allein wegen der grossen Anzahl und Vielfalt der installierten ERP-Lösungen in der Schweiz. Die Banken kommunizieren nach eigenen Angaben mit mehr als 5000 verschiedenen Programmen bei den Firmenkunden. SIX führt über 150 Programme respektive Versionen auf, die heute mit der QR-Rechnung umgehen können. In der Software-Bibliothek des Beratungshauses Topsoft sind 45 Produkte von 35 Anbietern gelistet, die die QR-Rechnung verarbeiten können.
Wie selbstverständlich mit dabei sind die grossen Schweizer Entwickler und ihre Software: Abraxas, Abacus und Opacc haben jeweils ihre ERPs aktualisiert. Parat sind auch die Westschweizer Epsitec und ProConcept. Das gilt auch für die Lösungen der Anbieter Bexio, Dynasoft, Klara und Lobos Informatik. Der britische Hersteller Sage – dank der Übernahmen des Sesam-Herstellers Softinc (2000), der St. Galler Winware (2002), der Westschweizer Softplus (2003) und der Simultan (2005) – mit starken Wurzeln und Ressourcen in der Schweiz, hat ebenfalls schon Updates eingespielt.

Global Player und Schweizer QR

IFS' Country Manager Christoph Lüönd registriert wenig Nachfrage nach der QR-Rechnung
Quelle: IFS
In der Aufzählung und teilweise auch in den Listen fehlen die grossen internationalen Software-Hersteller: IFS, Microsoft, Oracle und der Weltmarktführer SAP. Alle vier waren ebenfalls fleissig, um ihre Schweizer Kunden bei der Umrüstung zu unterstützen. Sie haben sich dabei allerdings hauptsächlich auf ihre Vorzeigeprodukte beschränkt. Computerworld hat nachgefragt.

IFS: Kunden in der Testphase

Der schwedische Anbieter IFS ist mit der Lösung IFS Applications hauptsächlich in der Schweizer Industrie vertreten. Kunden sind mittelständische Betriebe wie der Büromaterialproduzent Biella, der Hausgerätehersteller Schulthess und der Prüfgeräte-Spezialist Sotax. Sie alle empfangen und stellen Rechnungen. «Die kundenseitige Nachfrage nach der QR-Rechnung ist zurzeit gering und wir gehen davon aus, dass sobald die Lieferanten unserer Kunden dies verstärkt einsetzen werden, sich auch die Nachfrage steigern wird», erklärt Christoph Lüönd, Country Manager Switzerland bei IFS. Allerdings seien die technischen Voraussetzungen für die QR-Rechnung bei der aktuellen Version von IFS Applications 10 bereits umgesetzt und erfolgreich bei SIX validiert. «Bei einigen Kunden sind wir derzeit in der Testphase», doppelt Lüönd nach.
Nach seiner Aussage werden künftig die QR-Rechnungen auch direkt in IFS Applications eingelesen und die Zahlungsläufe an die Banken – mit und ohne QR-Code – generiert und übertragen. Allerdings gäbe es bei einigen Kunden Abhängigkeiten von Drittanbietern und Schnittstellen, so dass die Implementierung individuell pro Kunde betrachtet werden müsse.

Microsoft: QR-Rechnung aktivieren

Aus Sicht von Adriano Perolini von Microsoft Schweiz ist die Einführung der QR-Rechnung ein «wichtiger Schritt in der Digitalisierung der Schweiz». Deshalb wolle der Anbieter seinen Kunden «von Anfang an die Möglichkeit bieten, von dieser Vereinfachung zu profitieren», so der Partner Technical Architect for Business Applications. Er und sein Team hätten für die Implementierung intensiv mit den Schweizer Dynamics-Partnern zusammengearbeitet. Ausserdem sei man über die technischen Anforderungen im regelmässigen Austausch gewesen mit SIX und mit Crealogix, der die Scanner-Geräte zum Einlesen der QR-Rechnungen verkauft.
Perolini lässt sich mit der Aussage zitieren, dass heute «die QR-Rechnungs-Funktionalität in den folgenden Applikationen aktiviert werden kann: Dynamics 365 Business Central (BC) und Dynamics 365 Finance & Operations (F&O).» Ausserdem könnten auch die Kunden mit den Vorgängerversionen, die sich im Mainstream-Support befinden, QR-Rechnungen verarbeiten. Der Microsoft-Verantwortliche nennt hier explizit Dynamics AX 2012 R3 (Support bis 12.10.2021) sowie Dynamics NAV 2016/2017/2018 (Support bis 13.04.2021, 11.01.2022 und 10.01.2023).

Oracle: keine Auskunft

Die Schweizer Banken sind mit fünf verschiedenen Oracle-Produkten bei den Firmenkunden in Kontakt: Oracle 12, Oracle Application 11.5.9, Oracle E-Business Suite Release 12.1.3, Oracle Payment Type 3 CHF Unstructured 1.01 und Oracle PS-FSCM Version 9.2. Sie alle sind mit Stand 3. Juli 2020 nicht kompatibel mit der QR-Rechnung.
Während die Software-Liste der Finanzinstitute immerhin Treffer zu Oracle liefert, fehlt der Hersteller in den Aufstellungen der Software-Partner von SIX als auch der Software-Bibliothek des Beratungshauses Topsoft. Oracle selbst hat innerhalb einer Woche keine Auskunft über die Unterstützung der QR-Rechnung in seinen Produkten geben können.

Der Weltmarktführer SAP

Beim Weltmarktführer SAP heisst es: «Die neue QR-Rechnung wird in all unseren lokalisierten ERP-Systemen unterstützt», teilt Stephanie Freise, Leiterin Kommunikation bei SAP Schweiz, mit. Sie nennt die Produkte SAP ERP, SAP ERP HCM, SAP S/4Hana, SAP S/4Hana Cloud, SAP Business ByDesign, SAP Business One und diverse Industrielösungen, darunter das Vertragskontokorrent FI-CA, das Inkasso/Exkasso FS-CD, das Gesundheitswesen IS-H und das Immobilienmanagement RE-FX.
Während SAP-Produkte zwar nicht in der SIX-Liste als kompatible Lösungen aufgeführt sind, tauchen sie in der Aufstellung der Banken-Kontakte sehr wohl auf. Hier gibt es einige wenige Versionen, die QR-Rechnungen verarbeiten können. Im Software-Katalog von Topsoft wird lediglich S/4Hana (Version 1909) in Zusammenarbeit mit dem SAP-Partner TeamWork geprüftes Programm für das neue Rechnungsformat genannt. Allerdings ist S/4Hana erst bei wenigen Schweizer Kunden eingeführt.

SAP «kooperativ und schnell»

Aus den Anwenderfirmen waren vereinzelt Stimmen zu hören, laut denen das SAP-System noch nicht bereit war für die QR-Rechnung. Dazu erklärt die Interessensgemeinschaft SAP Schweiz (IG SAP CH): «Eine Umfrage im März zeigte, dass sich Kunden auf den SAP-Standard verlassen und erwarten, dass der Hersteller zeitnah eine Standardlösung bereitstellt», sagt Sprecher Peter Hartmann. «SAP Schweiz empfahl gleichzeitig, die neue Lösung via Support Package Stack einzuspielen. Die finale Lösung war aber damals noch in Arbeit und sollte bis Ende April 2020 bereit sein.» Ende Juni gab es dann einige wenige Rückmeldungen über «teilweise chaotische Zustände bei der Umsetzung», so Hartmann weiter. Daraufhin sah sich die IG SAP veranlasst, SAP direkt zu kontaktieren.
Und SAP hat «kooperativ und schnell» reagiert und direkte Kanäle für eine schnelle Problemlösung geöffnet. «Wir verstehen die Unzufriedenheit einzelner Kunden», hiess es aus der Schweiz-Niederlassung in Regensdorf. Gemäss Hartmann sei es bei neuen SAP-Funktionen nicht so ungewöhnlich, dass «First Mover» als Betatester einiges an Zuarbeit für die Entwickler leisten und dadurch internen Mehraufwand generieren. Dann könne der Kunde erwarten, dass SAP ihn individuell unterstütze und versuche, den Mehraufwand mit anderen Leistungen zu kompensieren. «Wir sind zuversichtlich, dass sich die üblichen Startschwierigkeiten schnell wieder legen werden», so der IG-Sprecher. Er gehe davon aus, dass zum Start der QR-Rechnung erst wenige Unternehmen produktiv sind. Viele würden sich noch etwas Zeit lassen, um dann als «schnelle Zweite» umzustellen.


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