«Die IT wird zur grössten Branche der Schweiz»

Microsoft-Cloud und «Cloud Act»

CW: Über den «Cloud Act» haben US-amerikanische Behörden im Zweifelsfall auch Zugriff auf Daten von Schweizer Unternehmen in der Microsoft-Cloud. Ist das ein Thema in den Gesprächen mit den potenziellen Kunden?
Marianne Janik kommuniziert den «Cloud Act» gegenüber Schweizer Kunden offensiv
Quelle: Samuel Truempy
Janik: Ja, absolut. Und das ist auch richtig so. Wir kommunizieren den «Cloud Act» offensiv, denn nur ein aufgeklärter Kunde kann die Risikoabwägung vornehmen, um die es letztendlich geht. Wenn die Kunden uns signalisieren, dass sie grundsätzlich offen sind für das Outsourcing in die Public Cloud, führen wir sehr
intensive Diskussionen über die Chancen und Risiken, die ein solcher Schritt mit sich bringt. Insbesondere beim «Cloud Act» müssen wir konstatieren, dass die USA ein Rechtsstaat ist. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen und immer nur nach einem Richterspruch ist eine Datenübermittlung an die US-amerikanischen Behörden zulässig. Wer an den Rechtsstaat glaubt und die Praxis kennt, kann einschätzen, wie hoch das Risiko in seinem speziellen Fall tatsächlich ist. Zudem: Insbesondere in Steuersachen findet schon heute – insbesondere in und mit der Schweiz – ein reger Datenaustausch statt. Ein Stichwort wäre hier der Automatische Informationsaustausch, ein anderes der jüngste Bundesgerichtsentscheid im Fall UBS.

CW: Kennen Sie Extrembeispiele für die Cloud-Akzeptanz? Wer ist schon in der globalen Cloud, wer wartet auf die Schweizer Cloud, wer verweigert sich komplett?

Janik: Da wir erst ganz neu in der Schweiz mit eigenen Data Centern vertreten sind, mussten Kunden bis anhin auf die globale Microsoft-Cloud setzen. Schon damit waren wir sehr erfolgreich, besonders bei den Schweizer Grosskonzernen. ABB ist weltweit tätig und auch weltweit in der Microsoft-Cloud. Das gilt zum Beispiel auch für Nestlé. Die Schweizer Uhrenindustrie – eine nicht regulierte Branche – signalisierte uns, dass sie bewusst auf Schweizer Data Center setzen will. In den regulierten Industrien, etwa den Banken, gibt es unterschiedliche Szenarien: Wenn keine Kundendaten verarbeitet werden, kommt heute schon die Microsoft-Cloud zum Einsatz. Für die sensiblen Kundendaten wollen die Banken in Zukunft die Schweizer Data Center nutzen.

CW: Bei wem beissen Sie auf Granit mit den Vorschlägen zum Wechsel in die Cloud?
Janik: Es gibt einige Kunden, bei denen wir auf Granit beissen. Das hat unterschiedliche Gründe: Die einen haben gerade ein eigenes Data Center gebaut. Solche Investitionen sollen sich natürlich amortisieren. Deshalb kommt für sie der Wechsel in die Cloud derzeit nicht infrage. Andere heikle Fälle sind Unternehmen aus dem Trading-Geschäft. Sie unterliegen streng genommen keiner Regulation, müssen aber dennoch sicherstellen, dass ihre Daten in den eigenen vier Wänden bleiben.

CW: Welche Themen neben der Cloud stehen bei den Kollegen von Microsoft Schweiz auf der Agenda?

Janik: Ehrlich gesagt beschäftigt uns die Technologie zurzeit wenig. Die grössere Herausforderung für die Kunden ist die Veränderung von Prozessen und Strukturen innerhalb der Organisationen, damit Technologie nutzenbringend eingesetzt werden kann. Das beginnt bei der Unternehmenskultur und endet bei der Umstrukturierung zum Beispiel der IT-Abteilung. Dies sind streng genommen Aufgaben für eine Unternehmensberatung. Dennoch kommen die Kunden auf uns zu, denn sie wollen von den Erfahrungen aus unserem eigenen Transformationsprozess lernen. Denn Microsoft hat in den vergangenen vier Jahren selbst zum Beispiel alle Applikationen in die Cloud ausgelagert. Anschliessend haben wir uns neu aufstellen müssen – mit weniger eigenem IT-Personal und neuen Arbeitspraktiken wie Home Office oder Videokonferenzen.

CW: Wie hat sich aus Sicht von Microsoft der Schweizer IT-Markt entwickelt?
Janik: Der IT-Markt entwickelt sich dank der Digitalisierung sehr gut. Aber aus meiner Perspektive entwickelt sich auch die gesamte Schweizer Wirtschaft dank der Digitalisierung sehr gut. Während die heutigen IT-Abteilungen mehr und mehr zu Infrastruktur-Providern werden, hält durch Digitalisierung die IT überall im Unternehmen Einzug. Wenn in Zukunft – vielleicht bis in fünf Jahren – alle Firmen digitale Technologien nutzen, wird es so sein, dass jedes Schweizer Unternehmen zu einer Technologiefirma wird. Dann wird die IT-Branche zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Schweiz.

CW: Hier könnte Microsoft eine wichtige Rolle spielen, indem Sie zuerst Office 365 aus dem lokalen Rechenzentrum anbieten. Office benötigt doch jeder. Laut Roadmap starten Sie aber mit Azure. Ist das sinnvoll?
Janik: Durchaus, denn Azure ist eine der technischen Grundlagen für Office 365. Und das Office aus den Schweizer Data Centern wird noch in diesem Jahr verfügbar sein. Ausserdem sehen wir es doch so: Mit der Schweizer Cloud wird die Technologie weiter demokratisiert. KMU können sich neu Applikationen und Infrastruktur leisten, die früher nur für Grosskonzerne erschwinglich waren. Deshalb will Microsoft bei der Durchdringung der Schweizer Wirtschaft mit Informationstechnologie durchaus eine wichtige Rolle spielen. Natürlich braucht es dafür den Mut und die Neugier der Unternehmen auf die neuen Technologien.


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