ICT-Branchenübersicht 16.10.2019, 06:22 Uhr

Angst vor der Flaute

Nach wie vor wächst die Schweizer ICT-Branche. Es gibt aber Anzeichen, dass auch wieder magerere Zeiten kommen könnten.
Zwei Surfer warten bei Flaute auf ihren Brettern sitzend auf den Start des traditionellen «Engadin Surmarathon» auf dem Silvaplanersee 
(Quelle: Keystone/Arno Balzarini)
Die Schweizer Informations- und Kommunikations-Technologie-Branche (ICT) hat 2018 den Fuss etwas vom Gaspedal genommen und zeigt eine gewisse Bremsbereitschaft. Denn die Industrie, welche die Top-500-Erhebung von Computerworld abbildet, kann nicht das gleiche Wachstum an den Tag legen wie noch 2017.
Sie performt aber besser als 2016. Damals waren die Zuwächse schon fast auf Stagnationsniveau gesunken. Konkret setzten alle von Computerworld für die Top-500-Ausmarchung erfassten Firmen im vergangenen Jahr 78 Milliarden Franken um. Das entspricht einem Wachstum gegenüber 2017 von 4,3 Prozent.
Die Branche konnte somit gut einen Prozentpunkt weniger stark zulegen als im Vorjahr, aber deutlich kräftiger als 2016, als lediglich ein Plus von 1,0 Prozent erreicht wurde. Aussagekräftiger als das reine Wachstum ist dagegen der Median, bei dem das durchschnittliche Wachstum der einzelnen Firmen ermittelt wird.
Hier zeigt sich ebenfalls, dass die Hochkonjunktur für die Schweizer ICT-Firmen Grenzen hat. Denn die in den Top 500 erfassten Unternehmen legten im Durchschnitt um 3,3 Prozent zu. Zum Vergleich: Für 2017 liegt der Wert bei 4,6 Prozent.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
Ein stabiles Wachstum mit der Tendenz eines Bremsmanövers stellt auch die jährlich erscheinende und im Auftrag des Schweizer ICT-Branchenverbands Swico erstellte Studie des European Information Technology Observatory (EITO) fest.
In der letzten veröffentlichten Ausgabe stellten die Marktforscher für 2018 ein Wachstum der kompletten Schweizer ICT-Branche um 2,8 Prozent fest. Allerdings erwartete die EITO-Studie, dass sich das Umsatzwachstum 2019 verlangsamen und nur noch 1,9 Prozent betragen wird.
Zugpferd der Gesamtbranche ist demnach nach wie vor der IT-Markt, während im Telekommunikationssektor mit einem bescheidenen Plus von 0,7 Prozent und einem leichten Schrumpfkurs für 2019 von -0,1 Prozent eher Stagnation angesagt ist.
So legte die IT-Branche 2018 um 4,0 Prozent zu. Allerdings wird auch hier 2019 mit weniger Wachstum in Höhe von 2,9 Prozent gerechnet. Treiber der IT-Branche im engeren Sinne ist laut EITO die Software-Industrie. Diese konnte nämlich im Berichtsjahr um 6,3 Prozent zulegen, während die Hardware-Branche noch um 4,2 Prozent und das Geschäft mit IT-Services um 2,6 Prozent wachsen konnte.

Leicht gedämpfter Optimismus

Dass es heuer in der Branche nicht ganz so rund laufen könnte wie auch schon, zeigen denn auch die Antworten der Branchenvertreter auf die von Computerworld gestellte Frage nach der Einschätzung der Schweizer ICT-Konjunktur in den nächsten 12 Monaten.
Demnach erwarten zurzeit – die Umfrage fand im Laufe der ersten Jahreshälfte 2019 statt – 76,6 Prozent einen leichten oder kräftigen Aufschwung. 17,1 Prozent der Teilnehmer gehen dagegen von einer Stagnation aus und 1,9 Prozent rechnen mit einer rückläufigen ICT-Konjunktur.
Am optimistischsten sehen dabei die mittelgrossen Firmen in die nähere Zukunft. Betrachtet man nämlich die Antworten der Firmen mit 100 bis 250 Mitarbeitern, zeigt sich doch eine breite positive Stimmung. Denn 87,7 Prozent rechnen hier mit einem leichten oder kräftigen Aufschwung.
Etwas vorsichtiger sind Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern. Hier liegt die Anzahl derer, die von wachsenden Umsatzzahlen ausgehen, bei 75,5 Prozent. Am vorsichtigsten beurteilen die grösseren Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern die Lage. Hier gehen mit 70,2 Prozent eher weniger von einem leichten oder kräftigen Aufschwung aus.
Da war die Stimmung im letzten Jahr doch noch um einiges euphorischer. Damals waren 84,1 Prozent der Befragten der Meinung, einem leichten oder kräftigen Aufschwung entgegensehen zu können, 11,6 Prozent rechneten mit einer stagnierenden Entwicklung und nur 1,3 Prozent erwarteten rückläufige Geschäfte.
Mit diesen Werten waren die Schweizer ICT-Firmen damals so optimistisch wie schon lange nicht mehr. Nur 2011, nach der überwundenen Finanzkrise, lag die Prozentzahl noch höher.
Die Ergebnisse der Befragung durch Computerworld zur ICT-Konjunktur deckt sich im Übrigen mit dem vierteljährlich von Swico ermittelten Stimmungsbarometer, bei dem Indikatoren wie «erwartete Umsatzveränderung», «erwartete Veränderung des Auftragseingangs» sowie «erwartete Ver­änderung der Rentabilität» der helvetischen ICT-Unternehmen berücksichtigt werden.
Das Barometer ging nämlich im ersten und zweiten Quartal 2019 zurück. Allerdings verzeichnete Swico im 3.Quartal einen Stimmungsumschwung und das Barometer konnte wieder auf 117 Punkte klettern.

Auftragslage bleibt gut

Auch die Beurteilung der Auftragslage durch die Schweizer ICT-Branche widerspiegelt die etwas vorsichtigere Haltung der Firmen zur Konjunktur. Denn heuer berichten mit 50,3 Prozent gut die Hälfte der Unternehmen, dass die aktuelle Auftragslage besser sei als im Vorjahr. 40,8 Prozent konstatieren, dass die Auftragsbücher gleich gut gefüllt sind wie 2018.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
Allerdings geben 5,4 Prozent an, weniger Aufträge zu haben als im vergangenen Jahr. Auch wenn die Auftragslage damit noch als durchaus gut bezeichnet werden kann, sind die Ergebnisse doch eine Verschlechterung gegenüber 2018, als mit 58,1 Prozent der Befragten wesentlich mehr Firmen von gut gefüllten Auftragsbüchern ausgingen.
Schlüsselt man die Ergebnisse nach Firmengrösse auf, so ergibt sich, dass mit zunehmender Firmengrösse auch mehr Befragte eine bessere Auftragslage konstatieren als noch 2018. So steigt der entsprechende Prozentsatz von 48,6 Prozent für die kleineren Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern auf doch satte 55,3 Prozent bei den grösseren Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern.
“Wir können neue Investitionen günstig und langfristig finanzieren„
Pierre Savoy, SPIE Schweiz

Positive Einschätzung mit Vorbehalten

Fragt man bei Vertretern der Schweizer ICT-Branche nach, bestätigt sich das von der Umfrage gezeichnete Bild. Die Stimmung ist durchwegs gut. Es gibt aber auch Vorbehalte. 
«Wir sehen die Konjunkturlage verhalten positiv», bringt es etwa Stefano Camuso, Managing Director von T-Systems Schweiz, auf den Punkt. Ähnlich sieht dies auch Urs Lehner, Leiter des Bereichs Enterprise Customers bei Swisscom.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
«Die Konjunkturlage schätzen wir stabil ein, aber mit gebremstem Wachstumstempo», gibt er zu Protokoll. Vorsichtig äussert sich dagegen Andreas Schindler, Geschäftsführer bei Avanade Schweiz. «Ich erwarte, dass die Konjunktur spürbar abkühlen wird», sagt er, fügt aber gleich an: «Katastrophen-Szenarien möchte ich jetzt aber nicht kreieren.» 
Da Schweizer Unternehmen ohnehin schon länger ziemlich zurückhaltend seien, erwartet Schindler «keinen merklichen Rückgang» des Geschäfts. Während diverse Treiber der ICT-Branche wie Digitalisierung, Cloud Computing und der Ausbau des Internet der Dinge von den Industrievertretern genannt werden, beklagen sich fast alle über den Fachkräftemangel.
“Wir haben mehr mit fehlenden Ressourcen als mit fehlenden Aufträgen zu kämpfen „
Ana Campos, Trivadis
Das geht so weit, dass einige deswegen Umsatzeinbussen befürchten. «Auch wenn das Wachstum nicht mehr so gross wird wie letztes Jahr, so haben wir doch mehr mit fehlenden Ressourcen für die Umsetzung als mit fehlenden Aufträgen zu kämpfen», bringt etwa Ana Campos, Co-CEO von Trivadis, die Situation auf den Punkt.

Brexit und andere Unsicherheiten

Auch die vielen Unsicherheiten wie beispielsweise der drohende ungeregelte Brexit oder der Handelsstreit der USA mit China, die sich ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen zusammenbrauen, werden von den Branchen­vertretern genau und teilweise auch mit der einen oder anderen Sorgenfalte beobachtet. 
«Solche Unsicherheiten bremsen häufig die Investitionstätigkeiten in grosse ICT-Vorhaben und führen verstärkt zu Kostendruck», gibt etwa Lehner zu bedenken. Auch die Co-Chefin von Trivadis sieht das ähnlich. Zwar sehe ihre Firma aktuell noch keine grösseren Auswirkungen auf das eigene Geschäft. 
“Die Konjunkturlage schätzen wir stabil ein, aber mit gebremstem Wachstumstempo„
Urs Lehner, Swisscom
«Eine Verschärfung, beispielsweise des Handelsstreits China/USA, würde aber sicher einen Einfluss auf die Investitionstätigkeit unserer multinationalen Kunden haben», betont sie hierzu.Gerade der von Campos hervorgehobene drohende Handelskrieg gibt auch Swisscoms Lehner zu denken. «Wenn die USA und China im Disput liegen, merken wir dies sehr wohl auch», sagt er. Schliesslich sei die ICT-Branche sehr global aufgestellt.
«Lösungen bestehen aus zahlreichen Komponenten internationaler Hersteller. Da kann es schnell durch solche Unsicherheiten zu Vertrauensverlust bei Kunden oder zu Lieferengpässen kommen, die auch die Akteure der ICT-Branche in der Schweiz stark spüren», argumentiert er. Funktionierende Lieferketten mit bestehender Planungssicherheit seien so schnell durch geopolitische Verwerfungen im Grundsatz infrage gestellt und müssten neu bewertet werden.
Camuso von T-Systems kann den Missstimmungen zwischen China und den USA aber auch Positives abgewinnen. Potenzielle Kunden könnten in dieser Situation versucht sein, Firmen mit einer Schweizer oder europäischen DNA zu bevorzugen, da diese ihnen mehr Sicherheit und Stabilität geben könnten.

Gutes Investitionsklima

Trotz der beschriebenen Unsicherheiten ist die ICT-Industrie hierzulande guten Mutes. Das hat nicht zuletzt auch mit der Negativzinspolitik der Schweizerischen Nationalbank zu tun. Denn dadurch sitzt das Geld sowohl bei den Anbietern als auch bei den Anwenderfirmen etwas lockerer in der Tasche. 
«Es eröffnet uns und auch unseren Kunden eine gute Chance, neue Investitionen in Innovation günstig und langfristig zu finanzieren», meint etwa Pierre Savoy, CEO von SPIE Schweiz. Gabriele Meinhard, Managing Director von Tech Data Schweiz, sieht das ähnlich. 
«Geld ist – bei entsprechender Bonität des Kunden – so günstig wie fast noch nie», sagt er. Es sei daher eine gute Zeit zum Investieren. «Das wirkt sich positiv auf die gesamte Industrie aus», führt er an.

Wenig Änderung in den Top 10

Themen wie die digitale Transformation oder auch der mit der Ankunft der Hyperscaler in der Schweiz einhergehende Cloud-Boom haben Auswirkungen auf die ersten zehn Plätze der Top-500-Ausmarchung von Computerworld. So konnte Google auf den dritten Podestplatz steigen und eröffnet damit künftig das Rennen mit Apple um Platz 2.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
Gleich zwei Plätze konnte Microsoft gutmachen und sich mit dem 8. Rang auf einem sicheren Platz in den Top 10 etablieren. Opfer dieser beiden besonderen Aufsteiger wurden SIX und UPC, die heuer mit den Plätzen 4 respektive 10 vorliebnehmen mussten.
Ausser diesen Rochaden haben sich in den Top 10 der 500 umsatzstärksten ICT-Unternehmen keine Platzverschiebungen ergeben.Die erwähnte Entwicklung lässt sich auch bei den Top 10 der Gewinner nach absoluten Zahlen erkennen. 
Auch hier sind Apple, Google und Microsoft in der Poleposition. Dass 2018 allgemein ein gutes Jahr gewesen ist, zeigen die beachtlichen Zunahmen nach absoluten Zahlen des Online-Händlers Digitec Galaxus, des Distributors Tech Data und HP Schweiz. Daneben ist mit Temenos auch ein Unternehmen der aufstrebenden Fintech-Branche mit von der Partie.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
Bei den prozentualen Top-Gewinnern sind oft Firmenübernahmen der Grund, wie etwa bei Abraxas, die sich die VRSG einverleibt hat, aber nicht nur. So erklärt sich das bedeutende Plus bei Axians aus dem sehr erfreulichen Geschäftsgang der Axians Schweiz, einer Tochter, die aus der Fusion von Axians Micatel und Axians Broger hervorgegangen ist und die vom boomenden Ausbau neuer Telekommunikationsnetze profitiert, für die Axians Services anbietet.
Daneben sind auch Umsätze der 2018 übernommenen Ruf Informatik eingerechnet und haben ihr Scherflein zum beachtlichen Plus von fast 83 Prozent beigetragen.
Bei Nexgen darf das beachtliche Plus von 66,7 Prozent als «Ausreisser» interpretiert werden. Denn nach Auskunft von Dominic Lachat, Geschäftsführer von Nexgen, ist ein grosser Hardware-Liefervertrag im Berichtsjahr für das massive Umsatzwachstum verantwortlich.
Quelle: Computerworld/ICT Analytics
Swisspro Solutions wiederum ist dank der Übernahme des Unify-Geschäfts­bereichs von Swisscom mit gut 130 Mitarbeitern zu ihrem Umsatzsprung von 42,8 Prozent gekommen. Dagegen berichtet die Geschäftsleitung von Exxo IT-Services, dass das Plus von über 41 Prozent rein organischer Natur sei.
Bei den Umsatz-Verlierern führt die Kudelski Group das Feld an. Die Firma befindet sich inmitten eines grösseren Konzernumbaus, der ins Geld geht und entsprechend Umsatz kostet.
Daneben hat die Westschweizer Halbleiter- und Komponentenspezialistin im Geschäftsjahr 2018 einen markanten Rückgang bei den Pay-TV-Lösungen in den Schwellenländern verzeichnen müssen. Allerdings soll die Talsohle nun erreicht sein. Denn der geplante Ausbau der Geschäftsbereiche «IT-Security» und «Internet of Things» sollen künftig wieder für Umsatzwachstum sorgen. 


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