Digitale Transformation 23.08.2019, 12:14 Uhr

Weshalb 80:20 in der Verwaltung nicht reicht

Die digitale Transformation soll Medienbrüche reduzieren, Mitarbeiter entlasten und Serviceleistungen verbessern. Soweit die Theorie. Dass es in der Praxis nicht ganz so einfach ist, zeigte die Diskussion an der Kaderkonferenz der Finanzdirektion des Kantons Bern.
Beatrice Simon, Regierungsrätin des Kantons Bern, begrüsste die Gäste der Kaderkonferenz der Finanzdirektion des Kantons Bern und begleitete als Moderatorin den Vormittag. Simon schaffte es, bekannte Paradigmen der Digitalisierung in Frage zu stellen und startete auf diese Weise immer wieder fruchtbare Diskussionen.
(Quelle: NMGZ/Computerworld)
Die Welt wird komplizierter und dreht sich schneller. Sinnbildlich wird auch von der sogenannten VUCA-Welt gesprochen. Ein Begriff aus dem Militärjargon. VUCA beschreibt eine unsichere und unübersichtliche Situation, an die man sich anpassen muss, um letztlich überleben zu können.
Eine pessimistische Sichtweise und doch zutreffend, wenn man sie auf die Lage überträgt, in der sich Unternehmen und Verwaltungen durch die Digitalisierung befinden. Organisationen müssen sich an den Wandel anpassen und neue digitale Prozesse aufsetzen sowie Produkte kreieren. Und alles am besten vorgestern. Auch muss sich das Skill-Set der Mitarbeitenden laufend weiterentwickeln.
Was das für die Praxis bedeutet und wo die Grenzen des Digitalisierungsdiktats liegen, darüber sprachen Exponenten aus der Wirtschaft, Verwaltung und Verbänden an der jährlichen Kaderkonferenz der Finanzdirektion des Kantons Bern.

Willkommen in der VUCA-Welt

Ivo Furrer, Präsident von Digitalswitzerland sprach in seiner Keynote darüber, wie Organisationen in der Welt der Digitalisierung vorankommen können. Furrer sprach sich immer wieder für die Mitarbeitenden als Schlüssel zum Erfolg aus. Wichtig sei aber eine gute Führung. 
Quelle:

NMGZ/Computerworld

Neue globale Tech-Konzerne, die mit ihren Plattformen etablierte Märkte aufmischen, oder politische Entwicklungen führten zu Verunsicherung. Der Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China sowie der drohende harte Brexit setzen etwa der deutschen Wirtschaft zu und folglich auch der Schweizer Ökonomie. Und das mit noch nicht absehbaren Konsequenzen, skizzierte Digitalswitzerland-Präsident Ivo Furrer in seiner Keynote. Um in einer solchen VUCA-Welt bestehen zu können, reiche die Investition in Technik nicht.
Man müsse auch an der Kultur der Organisation arbeiten, sagte Furrer weiter. Der Kulturwandel könne gelingen, denn die Menschen in den Organisationen seien in der Regel motiviert und offen. Aber man müsse sie mitnehmen und ihnen aufzeigen, welche Chancen Ihnen der Wandel biete. Klar ist für Furrer, dass die Geschäftsleitung den Takt vorgeben müsse. «Das Business setzt die Agenda, die IT ist der Enabler», sagte Furrer.
Mit der Digitalisierung steige die Schlagzahl und die Planungszeiten verkürzten sich. «Wir machen mal irgendwann», sei deshalb eine gefährliche Einstellung. Die Weichen müssten vielmehr jetzt gestellt werden. Furrer regte daher an, neue Prozesse und Lösungen nach der 80:20-Regel zu entwickeln. Diese seien zwar nicht immer perfekt, könnten aber im Nachgang verbessert werden.

80:20 ist kein Ansatz für Verwaltungen

Das wollte Beatrice Simon, Regierungsrätin des Kantons Bern, nicht unkommentiert stehen lassen. Sie lobte die verschiedenen digitalen Projekte im Kanton. Bern sei diesbezüglich gut unterwegs. Beispielsweise könnten die Steuerzahler ihre Steuererklärung über TaxMe elektronisch abrechnen.
In diesem Zusammenhang betonte sie die Gefahr des 80:20-Prinzips bei der Entwicklung digitaler Produkte. Denn eine halbfertige Steuerlösung könnte zu Steuerausfällen und frustrierten Anwenderinnen und Anwendern führen. Überdies werde es immer Kundinnen und Kunden geben, die auf herkömmlichen Wegen mit der Verwaltung Kontakt aufnehmen wollten, aller digitalen Vorteile zum Trotz.

Fortschritte beim elektronischen Patientendossier

Ulrich Schäfer, Head of HCI, bei HCI Solutions, sprach über die Bedeutung des elektronischen Patientendossiers und den digitalen Reifegrad von Spitälern und anderen Leistungserbringern. Spitäler sind laut Schäfer sehr weit, allerdings müssten noch Silos eingerissen werden, um die Vorteile der Digitalisierung vollumfänglich zu nutzen.
Quelle:

NMGZ/Computerworld

Einen Schwerpunkt der Konferenz bildete das elektronische Patientendossier (EPD). Ab dem nächsten Jahr müssen bestimmte Leistungserbringer im Gesundheitswesen, etwa Spitäler, EPDs anbieten. Andere Player im Healthcare-Sektor können sich freiwillig anschliessen. Das EPD dürfte eines der grössten oder zumindest prominentesten öffentlichen Digitalisierungsprojekte der Schweiz sein.
In den Spitälern gibt es bereits elektronische Patientenakten. Nun geht es um den nächsten Schritt – den Austausch untereinander. Das EPD solle in erster Linie die Kommunikation zwischen den Leistungserbringern vereinfachen, erklärte Ulrich Schäfer, Head of HCI Solutions, in seinem Referat. Heute sei die Kommunikation eher schlecht, was zu Doppelspurigkeiten etwa bei Untersuchungen und zu Behandlungsfehlern führe.
Der Austausch werde auch deshalb wichtiger, da die Zahl der Leistungserbringer pro Patient steige, etwa aufgrund von Spezialisierungen, wie Schäfer begründete. Der klassische Hausarzt sterbe hingegen aus. Datenschutzbedenken wischte Schäfer beiseite. Diese würden von gesunden Menschen geäussert. Wer Heilung suche, sei meist offen für die Weitergabe seiner Daten.
Der Kanton Bern ist laut Schäfer gut aufgestellt beim EPD und bestens mit Partnern vernetzt. Die Schweiz selbst liege beim internationalen Reifegrad im E-Health-Segment aber noch im Mittelfeld, sagte der HCI-Co-Geschäftsleiter unter Berufung auf eine Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Was es brauche, sei eine starke politische Führung, leider bremsten die Institutionen die Geschwindigkeit der Entwicklung im Vergleich zu zentralisierten Ländern. Und nicht nur das: «Ohne mehr Geld in die Hand zu nehmen, werden wir die nötigen Digitalisierungsschritte im E-Health-Bereich nicht gehen können», schloss Schäfer seinen Vortrag.

Weshalb Estland kaum als Vorbild taugt

Auch hier liess es sich Regierungsrätin Simon nicht nehmen, den Vortrag zu kommentieren. Insbesondere das von Furrer und Schäfer in ihren Vorträgen viel gelobte Estland fand Simon wenig überzeugend als Vorbild.
Denn das Land konnte auf der grünen Wiese mit seinen Projekten starten und auch die Haltung sei etwas entspannter als hierzulande. So habe an einer Tagung eine Vertreterin Estlands Simon auf die Frage, was bei einem Ausfall passiere, geantwortet, dass dann die Services einen Tag lang eben nicht funktionieren würden. Für die Regierungsrätin ist deshalb klar: «Estland ist für mich kein gutes Beispiel.»


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