14.08.2007, 08:46 Uhr

Independence Day

Ein Paradigmenwechsel steht bevor: werden Open-Source-Technologien und offene Standards mittelfristig zur Regel, wird der Anwender vom Hersteller unabhängig. Sehr zum Missfallen der «Big Elephants», die ihre Repositionierung als Plattform-Lieferanten vorantreiben. Am Ende wird der Kunde entscheiden, wie wohl er sich am Gängelband fühlt.
Godelef Kühl ist Gründer und Vorstand der Mainzer Godesys mit einer Niederlassung in Aarau.
Der erfolgreiche Einzug von ERP- und CRM-Systemen in die Wirtschaft und ihr Eroberungszug durch den Mittelstand haben klar gemacht: Die ERP- oder CRM-Systeme selbst sind keine Heilsbringer. Sie unterstützen lediglich die Umsetzung der erdachten Prozessoptimierungs-Strategien. Genau so verhält es sich mit Service-orientierten Architekturen (SOA). Auch sie sind ein Managementkonzept, das eine flexible, an den gewünschten Geschäfts-prozessen ausgerichtete IT-Infrastruktur anstrebt. Auch hier warten - sollen die unternehmerischen Früchte geerntet werden - zunächst die strategischen Hausaufgaben. Wobei mit dem Schritt hin zur gelebten SOA ein Paradigmenwechsel ins Haus steht, der vor allem durch den entstehenden Geschäftsnutzen geprägt sein wird. Die Folge ist der Wandel vom Anwendungs-zentrischen zum Prozess-unterstützenden Denken. Dieser wird die gesamte IT-Landschaft nachhaltig beeinflussen.
SOA ist demnach die künftige Grundlage von ERP und CRM. SOA-Konzepte werden die gewohnte Nutzung herkömmlicher -Anwendungen im betrieblichen Alltag grundlegend verändern. Dabei werden die heutigen CRM- und ERP-Systeme aber nicht schlagartig ersetzt. Der Wandel wird mittelfristig und fliessend erfolgen. Es wird nicht mehr in Modulen gedacht, sondern in -Funktionen und Services. Aus betriebswirtschaftlichen Applikationen werden Prozess-Frameworks für CRM und ERP-Anwendungen, deren Kundenorientierung deutlich höher sein wird als heute.
Weit vorn ist damit der, der seinen Kunden den Aufbau einer Hersteller-unabhängigen, auf freien Standards (Open Source) basierenden Service-orientierten Integrationsarchitektur offeriert. Die Gewinner sind dabei die Anwender: Sie sind nicht mehr von proprietären Systemen und bestimmten Herstellern abhängig, die stete Diskussion um die Investitionssicherheit erübrigt sich. Gleichzeitig ist der Kunde im Echtzeitunternehmen angekommen, da die Informationsbereitstellung synchron mit der Geschwindigkeit der Prozesse erfolgen kann.

Integrationsarchitektur setzt Zeichen

Technologische Weiterentwicklungen brauchen Visionen. Doch weder traditionelle Standardsoftware noch klassische Eigenentwicklungen bieten den visionären Charakter einer modernen Software-Strategie. Die zwei grössten Herausforderungen: Schnelligkeit und Applikationsintegration. Aufgrund der herkömmlichen Entwicklungsmodelle dauert es zu lange, heutige Anwendungen an neue Anforderungen anzupassen. Und was die Integration angeht, so ermöglichen heutige Applikationen bestenfalls ein harmonisches Nebeneinander. Von Integrationsarchitekturen, also der -integrierten Bearbeitung individueller -Unternehmensprozesse, ist man vielfach noch weit entfernt. Vom Echtzeitunternehmen damit übrigens auch - denn solange -Anwender für die Abarbeitung eines Geschäfts-prozesses noch mehrere parallele Anwendungen wie E-Mail, ERP--System, Dokumentenmanagement und Textverarbeitung benötigen, läuft die Geschwindigkeit der Prozesse nicht mit der Informationsbereitstellung synchron. Und die IT nutzt die gegebenen Möglichkeiten nur unvollständig.
Hier wird der Reiz einer freien, auf Standards basierenden, Service-orientierten Business-Architektur deutlich: Sie erleichtert es den Unternehmen, agile Prozesse aufzusetzen und sich am Markt differenziert darzustellen. Hält man sich dabei an die Standards, ist alles möglich, da eine durch Schnittstellen-Problematik entstehende Begrenzung in der Zusammenstellung der Funktionen und Services künftig entfallen wird. Das Zauberwort an dieser Stelle heisst «Interoperabilität». Dadurch unterscheidet sich SOA von herkömmlichen Technologietrends. Unternehmen, die in der Applikationsintegration die Nase vorn haben, beweisen ihre Kundenorientierung. Denn sie bieten ihren Kunden einen klar erkenn- und bezifferbaren Nutzen und verschaffen ihnen - und sich selbst - klare Wettbewerbsvorteile.

SOA-basierende Business-Frameworks

Vor diesem Hintergrund prognostizieren alle namhaften Berater und Analysten einen Paradigmenwechsel. Denn das Systemarchitektur-Konzept der SOA sieht die Bereitstellung fachlicher Dienste und Funktionen in Form von Services vor. Ein Service ist dabei als eine Funktionalität definiert, die über eine standardisierte Schnittstelle interoperabel in Anspruch genommen wird. Das bedeutet: Unternehmen können künftig die zur Bearbeitung einzelner Geschäftsprozesse benötigten Fachfunktionen viel filigraner, stets prozessbezogen und vor allem Hersteller-übergreifend aussuchen und zusammenstellen. Ein grosser -betriebswirtschaftlicher Anreiz. Denn Firmen werden nur jene Leistungen konsumieren, welche sie für ihre Geschäftszwecke brauchen. Und wenn der Markt für Teilschritte günstigere externe Leistungen anbietet, werden sich die Unternehmen entsprechend organisieren.
Schöne, neue IT-Welt: aus Applikationen werden Prozess-Frameworks für CRM und ERP-Anwendungen. Die Softwarehersteller mit Zukunft liefern dazu verstärkt eine bunte Auswahl an Funktionen und Services. Etwa noch fehlende technische Standards werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Im Gegenteil erleichtert es die zunehmende Standardisierung den Anwendern, Hersteller-unabhängig und -übergreifend Services zu beschaffen und zu gestalten. Einzige -Voraussetzung: Sie sollten bei der Auswahl ihrer Systeme bereits heute auf die Nutzung von Standards geachtet haben.

Standard gleich Freiheit

Doch was ist ein Standard? In der Theorie ist er «eine vergleichsweise einheitliche/vereinheitlichte, weithin anerkannte und meist auch angewandte (oder zumindest angestrebte) Art und Weise, etwas herzustellen oder durchzuführen, die sich gegenüber anderen Arten und Weisen durchgesetzt hat.» Und in der Praxis? Hier dauert der erbitterte Kampf der Branchengrössen um Marktanteile schon lange an, ohne dass die Anwender einen «vergleichsweise» klaren Gewinner ausmachen können. Die Methoden der Grossen sind bekannt: man nehme einen Standard und erkläre ihn durch proprietäre Denkansätze für erweitert. Ziel der Übung: die Sicherung der eigenen Marktanteile - wohlgemerkt im Sinne der gewollten Herstellerabhängigkeiten und keinesfalls im Sinne der Anwender.
Dabei ist der Aufbau einer SOA heute überhaupt keine Entscheidung für oder gegen einen Hersteller, für oder gegen ein bestimmtes System mehr. Diese entfällt ebenso wie die Angst, auf das falsche Pferd zu setzen. Auch den Investitionsentscheidungen ist damit objektiv der Schrecken genommen. Das Setzen auf freie Standards bedeutet den nahezu unbegrenzten Einsatz und damit auch den jederzeit möglichen Austausch von Services und ihrer Hersteller - immer zugunsten der Professionalität des Anwenders, und immer zum Wohle seiner Kunden. Anders ausgedrückt: Abhängigkeit war gestern. Das Setzen auf freie Standards garantiert dem Anwender Herstellerunabhängigkeit.

Geschlossene Gesellschaft

Die grossen Hersteller zeigen sich von dieser Entwicklung naturgemäss recht unbeeindruckt. Ganz im Gegenteil. Wenn der Grundgedanke einer SOA im Aufbau einer einheitlichen, standardisierten Plattform für den Austausch von Geschäftsprozessen liegt, müsste doch der Aufbau eines einheitlichen offenen Standards zur Förderung der Interoperabilität das erste Anliegen einer von Geschäftsprozessen lebenden Branche sein. Doch in der Praxis geschieht aktuell das krasse Gegenteil. SAP und Microsoft bemühen sich nach Kräften um eine Repositionierung als Plattform-Lieferanten, deren Produkte ihre Vorzüge in der vermeintlich einfachen Integration vorhandener Bestandteile haben. Leider wird dabei verschwiegen, dass der Anwender mit der Auswahl der SOA-Plattform sein Ticket für fortdauernde Abhängigkeit und proprietäre Geschäftsprozesse mitgelöst hat. Sollte der mittelalterliche Lebens- und Systementwurf der geschlossenen Gesellschaft nicht ein für allemal passé sein?
Die kleineren Anbieter werden sich wohl kaum zur Entwicklung ihres jeweils eigenen SOA-Backbones entschliessen. Die Frage ist auch, ob sie dies überhaupt wollen. Denn als Hersteller betriebswirtschaftlicher Applikationen dürfte es für sie ohnehin wesentlich sinnvoller sein, ihre Kraft in die Lösungen betriebswirtschaftlicher Aufgabenstellungen zu investieren und darüber hinaus ihren Kunden einen einheitlichen Technologieansatz zu empfehlen und ihn bei Bedarf auch noch gleich mitzuliefern.
Am Beispiel der Datenbanken hat man gesehen, dass das bestens funktioniert: IBM, Oracle und Microsoft vereinen heute weit über 90 Prozent Marktanteil. Bewegung im Markt ist lediglich noch im Bereich der Open-Source-Produkte auszumachen. Hier werden konsequent auf offenen Standards -basierende Plattformen für Unternehmenslösungen der Zukunft angeboten. So können die Kunden strategischen Entwicklungen gelassen entgegen sehen - egal, welcher Hersteller sich durchsetzen wird. Wahre Unabhängigkeit entsteht durch die Unterstützung aller gängigen Industriestandards. Deswegen kann heute nicht nur die Datenbank frei gewählt werden. Das Gleiche gilt auch für alle Funktionen und Services, die zum Aufbau eines eigenen, kundenorientierten Business-Frameworks benötigt werden. Willkommen im synchronisiert arbeitenden Echtzeitunternehmen, in dem die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zum richtigen Zweck verfügbar gemacht wird.
Godelef Kühl



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