Privatbanken vernachlässigen die IT

Die Jagd auf Steuersünder, die unstete Entwicklung der Weltwirtschaft und eine strengere Regulation prägen das Privatkundengeschäft von Schweizer Banken. Eine weitere Herausforderung ist die Informationstechnologie (IT), der die Finanzhäuser nach Einschätzung von Ernst & Young zum Teil zu wenig Beachtung schenken.

von AWP 15.05.2013 07:30

Das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen kommt zum Schluss, dass die kleinen und mittelgrossen Vermögensverwalter ihre Ressourcen zu einseitig einsetzen. Neue Wege in der IT würden die Geschäftsmodelle erneuern helfen und Wettbewerbsvorteile bringen, heisst es in der am Dienstag veröffentlichten Studie.

Von 24 befragten Banken verwenden 71 Prozent eine Standardsoftware. Bei den grösseren Banken mit bis zu 100 Milliarden Franken verwalteten Kundenvermögen macht dies die Hälfe, bei den deutlich kleineren Geldhäusern über drei Viertel. Für kleinere Banken sind Eigenentwicklungen in der IT meist unbezahlbar.

Diffenzierung ist gefragt

«Banken sind sehr technologieintensive Institute und benötigen für die Abwicklung aller wesentlichen Geschäfte eine belastbare und effiziente IT Infrastruktur», sagte IT-Spezialist Andreas Toggwyler der Nachrichtenagentur SDA. In der Vermögensverwaltung könnten sie sich mit IT-Instrumenten beispielsweise im E-Banking oder M-Banking (mobile Banking) von Konkurrenten abheben.

Im harten Kampf um die reichen Privatkunden müssen sich die Geldverwalter differenzieren. Die IT sei für die Verwaltung der Kundenbeziehung, den Beratungsprozess oder die Abwicklung von Kapitalmarktgeschäften zentral wichtig, so Toggwyler.

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Der Anfangsaufwand ist allerdings erheblich, wenn sich Banken Eigenentwicklungen zuwenden wollen. Dennoch ist laut Ernst & Young die Entscheidung für eine Standardlösung nicht eindeutig finanziell begründbar. Wegen der Lizenzgebühren geben Banken mit Standardprogramm 15 Prozent ihrer operativen Kosten für die IT aus, bei den Banken mit Eigenentwicklung sind es 11 Prozent.

Ernst & Young vermutet, dass eine Standardlösung als bequemer erachtet wird, weil die Komplexität der Systeme tiefer ist. Damit bindet die IT auch weniger Personal: Im Schnitt arbeiten 9 Prozent der Bankenmitarbeiter in der IT. Bei Banken, die ihr so genanntes Kernbankensystem selber verwalten, sind es aber 12 Prozent.

IT-Personal schlechter bezahlt als Banker

Gemessen am generell überdurchschnittlichen Lohnniveau bei Finanzinstituten sind die IT-Mitarbeiter eher schlecht bezahlt: Laut der Studie verdienen sie nur etwa zwei Drittel von dem, was die übrigen Bankmitarbeiter im Schnitt erhalten.

Die Angst vor CD-Datenklau wiegt aber schwerer als Sorgen um den Unmut von IT-Spezialisten: Die Budgets für IT sollen dieses Jahr in erster Linie für die Sicherheit und für die Erfüllung regulatorischer Vorschriften eingesetzt werden - 96 Prozent der befragten Banken sagten dies aus.

Auch dies ist indessen eine Herausforderung. Die Anpassung an die stets strenger werdenden Vorschriften für den Bankenbetrieb kann die IT-Kosten schnell in die Höhe trieben. Auch Bankenzusammenschlüsse haben laut Andreas Toggwyler eine teure IT-Komponente: «Bei der Integration zweier Privatbanken kann die Zusammenführung der IT ein Hauptkostentreiber sein.»