«Digitalisierung bedeutet ein Momentum für uns»

Der IT-Dienstleister Adesso ist bei der digitalen Transformation mittendrin – beim Kunden und im eigenen Unternehmen. CEO Hansjörg Süess über aktuelle Lernprozesse und Projekte.

von Mark Schröder 21.07.2017 09:00

 Das Digitalisieren von Geschäftsprozessen zählt für Adesso Schweiz zum Portfolio: Bei Medgate, PostFinance und SBB hat der IT-Dienstleister grosse Projekte lanciert. Geschäftsführer Hansjörg Süess sagt im Gespräch mit Computerworld, dass er im Zuge der digitalen Transformation mehr erwartet – von Adesso selbst, aber auch von den Kunden.

Computerworld: Was bedeutet die digitale Transformation für Adesso, was für Ihre Kunden?

Hansjörg Süess: Die digitale Transformation bedeutet zweifellos ein Momentum für uns. Sie betrifft uns allerdings gleichermassen wie unsere Kunden. Wir wissen, dass wir uns neu aufstellen und lernen müssen, wie in Zukunft Software entwickelt wird. Zum Beispiel fragen die Kunden, ob wir Software auch in der Cloud entwickeln können. Dafür gehen wir Partnerschaften ein, zum Beispiel mit Red Hat für OpenShift. Parallel trainieren wir unsere Mitarbeiter in den neuen Technologien.

Verändern wird sich auch die Art und Weise, wie wir mit unseren Kunden zusammenarbeiten. Schon heute sind gemischte Teams eine Realität.

Hansjörg Süess muss Adesso Schweiz für die digitale Transformation neu aufstellen Hansjörg Süess muss Adesso Schweiz für die digitale Transformation neu aufstellen © adesso Schweiz

Mit welchen Fragestellungen zur digitalen Transformation kommen die Kunden auf Sie zu?

Sie fragen oft, was denn Adesso Schweiz in Bezug auf die digitale Transformation tut. Meine Antwort lautet: Wir bereiten die Legacy und die Systeme unserer Kunden darauf vor, dass sie künftig komplett digitale Geschäftsprozesse durchgängig abwickeln können. Bei der Urhebergenossenschaft Suisa haben wir beispielsweise zusammen mit dem Kunden eine neue Architektur definiert und die Ablösung der Host-Systeme erfolgreich umgesetzt. Mit dieser Lösung kann die Suisa nun Portale aufsetzen, auf denen sich Musiker selbstständig registrieren können. Die Rechtevergütung läuft dann vollautomatisiert ab.

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Häufig wird Adesso im Zusammenhang mit Ausschreibungen genannt. Welche Projekte laufen bei der öffentlichen Hand?

Mit den SBB arbeiten wir an diversen Anwendungen. Unsere grössten Aufträge laufen bei den Divisionen Personenverkehr und Infrastruktur. Unter anderem entwickeln wir die neue SBB-App mit. Die Kollegen arbeiten beim Kunden vor Ort in Teams von vier bis sechs Personen. Zukünftig planen die SBB, auch Projekte in Form von «Managed Services» komplett rauszugeben. Das wäre dann das Gegenteil des früher praktizierten Personalverleihs, bei dem die Verantwortung im Haus blieb. Wir sind sehr interessiert, Projekte zu uns zu holen und Verantwortung zu übernehmen, damit unsere externen Mitarbeiter den Bezug zu Adesso nicht verlieren und wir unsere Firmenkultur wahren können.

Sie erwähnten die Personalleihe. Geht die öffentliche Hand davon weg?

Ich kann keine wirkliche Tendenz erkennen. Es wird weiterhin viel Personal auf Abruf bestellt. Die Gründe liegen einerseits in dem sehr aufwendigen Ausschreibungsverfahren, das aktuell für Projekte zur Anwendung kommt. Hier wirken immer noch Insieme und so weiter nach. Jeder hat Angst vor Verfahrensfehlern und einem Rekurs. Andererseits werden dann Rahmenverträge ausgeschrieben, bei denen häufig kein Leistungsabruf erfolgt. Hier taucht dann natürlich schon die Frage auf, warum das so ist.

«Insieme wirkt immer noch nach. Jeder hat Angst vor Verfahrensfehlern und einem Rekurs»

Hansjörg Süess, adesso Schweiz

Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?

Die Verwaltungen sollten sich meiner Meinung nach mehr an der Privatwirtschaft orientieren. Auch dort wird ausgeschrieben und der Wettbewerb gefördert. Jedoch ist es erlaubt, auch schon während des Verfahrens mit dem potenziellen Kunden zu sprechen. Natürlich sind auch in öffentlichen Ausschreibungen Fragen gestattet. Allerdings werden sie nur schriftlich beantwortet und persönliche oder telefonische Rückfragen sind ausgeschlossen.

Gibt es ein Unternehmen, das Vorbild sein könnte bei den Ausschreibungen?

Einer unserer grössten Kunden ist die PostFinance. Sie arbeitet sehr professionell, obwohl sich die Beschaffung auch am WTO-Verfahren orientiert. Als Anbieter können wir aber dennoch Fragen stellen und bekommen auch direkte Antworten, so dass wir viele Unklarheiten im Vorfeld schon ausräumen können. Das hilft uns natürlich sehr für eine gezielte Offerterstellung.

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Welches sind bemerkenswerte Projekte, bei denen Adesso allenfalls sich auch weiterentwickelt hat?

Eines unserer Vorzeigeprojekte läuft bei PostFinance. Das Unternehmen führt aktuell das neue Kernbankensystem «BaNCS» von TCS ein. Parallel werden diverse Umsysteme erneuert, darunter das Personendatensystem «Peda-S», das wir von Grund auf neu entwickelt haben. Bemerkenswert ist das Projekt aufgrund der «gezähmt» agilen Methode. Während das Gesamtprojekt nach Wasserfall gesteuert wurde, geschah die Umsetzung mit agilen Techniken.

Adessos Hansjörg Süess hat bei PostFinance und Medgate grosse Digitalprojekte lanciert Adessos Hansjörg Süess hat bei PostFinance und Medgate grosse Digitalprojekte lanciert © adesso Schweiz

Haben Sie dabei das deutsche Mutterhaus einbezogen?

Ja, wir haben hier Ressourcen miteinbezogen. Ein Grund war die Risikoverteilung. Zeitweise waren im Projekt über 30 Personen beschäftigt und im Fall eines Projektstopps hätten wir für alle Mitarbeiter sofort ein neues Mandat finden müssen. Dieses Risiko liess sich durch die Angestellten aus dem Mutterhaus vermindern. Ausserdem waren wir überhaupt erst durch die Zusammenarbeit mit Deutschland fähig, ein so schnelles Ramp-up des Projektteams zu liefern. Der zweite Grund ist der hohe Stellenwert des Kunden für den Adesso-Konzern: Der Finanzdienstleister ist nach Umsatz der sechsgrösste Kunde des Konzerns. 

Jenseits des PostFinance-Projekts nutzt Adesso Schweiz insbesondere dann die deutschen Ressourcen, wenn aufgrund der kleineren Belegschaft hierzulande das spezifische Know-how für Projekte im SAP-Umfeld oder in der Banken- und Versicherungsbranche fehlt.

Gibt es weitere bemerkenswerte Projekte?

Ein zweites Vorzeigeprojekt ist die Zusammenarbeit mit Medgate: Vor dem Projekt hatten wir nur wenig Erfahrung im Bereich der Telemedizin. Durch die gemeinsame Realisierung eines Patienten-Management-Systems auf Basis von Microsoft Dynamics haben wir uns zu Experten entwickelt. Gemeinsam mit Medgate entwickeln wir die Lösung weiter, welche unter anderem auch in Indien, den Philippinen und den Vereinigten Arabischen Emiraten eingesetzt wird.

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Welches Projekt mussten Sie retten? Was lief schief, wie war die Lösung?

Wir werden häufiger erst zum Zeitpunkt angefragt, wenn Projekte bereits gescheitert sind. Demzufolge ist meistens die genaue Analyse des Quellcodes unsere erste Aufgabe. Dann soll auch getestet werden, warum ein neu entwickeltes System sich nicht warten lässt. Aufgrund der Expertise unseres CTOs Dieter Wijngaards in der Audit-Software Cast haben wir uns für solche Problemlösungen bei Bundesämtern und in der Privatwirtschaft einen guten Ruf erarbeitet.

Ist schon mal ein eigenes Projekt aus dem Ruder gelaufen?

Ja, auch das gibt es, wie ich ehrlicherweise zugeben muss. Als vor vier bis fünf Jahren die agilen Methoden populär wurden, haben wir uns zu sehr auf den neuen Trend versteift. Die Kunden wollten wie bisher einen Festpreis, aber dazu auch grösstmögliche Agilität. Diese Kombination hat uns im einen oder anderen Projekt ein wenig in Schieflage gebracht.

Wir haben jedoch daraus gelernt und vor etwa zwei Jahren gute Metriken für agile Projekte entwickelt. Wir prüfen jetzt fortlaufend, ob wir nach einem Sprint auch eine entsprechende Mehrleistung erhalten. Wenn dieser Koeffizient kleiner eins ist, schrillen die Alarmglocken. So können wir das Projekt frühzeitig steuern und eine Schieflage verhindern.

«Wir suchen gute Leute, um weiter zu wachsen»

Hansjörg Süess, adesso Schweiz

Welche Pläne hat Adesso für die Zukunft?

Heute ist Adesso Schweiz für Software-Entwicklung und IT-Consulting bekannt. Aufholbedarf haben wir in der früheren Projektphase, der Beratung zu Geschäftsprozessen und zur Unternehmensstrategie. Dieser Herausforderung stellen wir uns aktuell. Adesso Schweiz soll sich zu einem Beratungs- und Implementierungshaus weiterentwickeln.

Was fehlt Adesso Schweiz?

Noch mehr gute Leute, mit denen wir weiter wachsen können. Es ist nach wie vor schwierig, Fachkräfte zu finden, die technisch hervorragend, aber gleichzeitig auch geeignet sind, in den Dialog mit den Kunden zu treten. Beispielsweise suchen wir seit Monaten SharePoint-Spezialisten, aber der Markt ist wie leer gefegt.

Hansjörg Süess

ist seit 2009 Geschäftsführer von adesso Schweiz. Vor seiner Tätigkeit für adesso war er seit 2005 Vertriebsleiter bei Cognizant. Süess startete seine Karriere beim Flugsicherungskonzern Skyguide. Anschliessend war er in leitenden Positionen bei Telekurs und Elca tätig. Süess verfügt seit 2013 über einen Executive MBA in General Management.