Datenexplosion im Schweizer Gesundheitswesen

Dem Schweizer Gesundheitswesen steht die digitale Transformation grösstenteils noch bevor. Wissenschaftler der ZHAW erwarten in den nächsten Jahren eine Datenexplosion.

von Mark Schröder 21.06.2017 12:58

Frau und Herr Schweizer merken in Arztpraxen, Pflegeheimen und Spitälern noch nicht viel von der Digitalisierung. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern, heisst es in einer Studie der der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag von Swisscom. Die Wissenschaftler sehen in den grossen Mengen nicht-digitaler Daten ein grosses Potenzial im Kampf gegen steigende Gesundheitskosten brachliegen.

Die verstreute Ablage von Gesundheitsinformationen erschwert den Zugriff Die verstreute Ablage von Gesundheitsinformationen erschwert den Zugriff © ZHAW

Heute entstehen im Gesundheitswesen pro Jahr rund 1,5 Petabyte Gesundheitsdaten in Form von Bildern (Fotos, Röntgenbilder etc.) und Textdokumente. «73 Prozent der Daten fallen in den 240 Spitälern, weitere 11 Prozent bei den rund 12'000 Fachärzten an», sagt Studienleiter Florian Liberatore von der ZHAW. Diese beiden Akteure wenden am häufigsten die datenintensiven bildgebenden Verfahren an. Die heute noch vergleichsweise geringe Datenmenge von 1,5 Petabyte entspricht lediglich 0,5 Prozent des Datenvolumens, das jedes Jahr von Smartphones im Netz von Swisscom übertragen wird.

Gesundheitsdaten auf Papier füllen 500'000 Bundesordner, die eine 40 Kilometer lange Reihe ergeben würden Gesundheitsdaten auf Papier füllen 500'000 Bundesordner, die eine 40 Kilometer lange Reihe ergeben würden © ZHAW

Den elektronischen Daten stehen jährlich rund 300 Millionen A4-Blätter Dokumentation auf Papier gegenüber, ermittelte die ZHAW. Das entspräche 500'000 Bundesordnern voll Papier. Davon produzieren 43 Prozent niedergelassene Ärzte. Weitere 17 Prozent entstehen in den Pflegeheimen, wo die Dokumentation noch häufig auf Papier erfolgt. 

Durch die Ablösung der papierbasierten Prozesse dürfte das Datenvolumen künftig sehr viel schneller wachsen als über alle Branchen hinweg. «Haupttreiber sind neue Technologien im Bereich der Analyse und der Bildgebung sowie die zunehmende Erhebung von sensorischen und anderen exogenen Daten», sagt Liberatore. Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass zusätzlich die Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) zum Wachstum beitragen wird. Laut den Wissenschaftlern erleichtere das EPD den Zugang zu elektronisch gespeicherten Gesundheitsdaten, die künftig vermehrt kopiert und lokal gespeichert werden.

Teure Datenpannen

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat allerdings nicht nur Vorteile. Daran erinnert die «Cost of Data Breach»-Studie des Ponemon Instituts, die IBM gesponsert hat. Die global erhobenen Daten suggerieren zwar, dass die durchschnittlichen Kosten für eine Datenpanne im Vergleich zum Vorjahr rückläufig sind. Für einen einzigen Unfall im Zusammenhang mit Informatik bezahlen Unternehmen im Schnitt 3,62 Millionen US-Dollar. Immerhin: Das sind 10 Prozent weniger als 2016.

Besonders kostspielig sind Datenpannen im Gesundheitssektor: Die Branche führt die Rangliste mit den teuersten Datenunfällen an. Der Diebstahl von Gesundheitsdaten kostet im Mittel rund 9,8 Millionen US-Dollar. Zum Vergleich: Die Finanzbranche bezahlt circa 6,3 Millionen US-Dollar, die Industrie 3,8 Millionen, die öffentliche Verwaltung 1,8 Millionen und die Wissenschaft 2,6 Millionen.