«Wie wettbewerbsfähig ist meine Firma ohne IoT noch?»

Das Internet der Dinge (IoT) entwickelt sich für Orange Business Services (OBS) zum Kassenschlager. Werner Reuss, Head of IoT Industries Verticals bei OBS, hat Computerworld im Interview vom Potenzial des IoT und den Vorteilen für seine Kunden erzählt.

von Michael Kurzidim 15.05.2017 07:00

Das Internet der Dinge wird für den Telekommunikationsanbieter Orange Business Services (OBS) zum lukrativen Geschäft. 700 IoT-Entwickler arbeiten weltweit für den Telko-Riesen, 1000 programmieren Lösungen für die Cloud. Computerworld sprach mit Werner Reuss, Head of IoT Industries Vertical, über das Marktpotenzial des IoT und welche Lösungen für den Kunden einen echten Mehrwert bringen.

Computerworld: Herr Reuss, womit verdienen die OBS ihr Geld? Welche Dienstleistungen bieten sie ihrer Business-Kundschaft?

Werner Reuss ist Head of IoT Industries Vertical bei Orange Business Services Werner Reuss ist Head of IoT Industries Vertical bei Orange Business Services © zVg

Werner Reuss: Da gibt es drei Hauptgebiete. Wir helfen unseren Kunden beim Aufbau digitaler Prozesse, bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle und bei der Sicherheit. Wir offerieren sowohl Komplettlösungen als auch einzelne Bausteine, beraten bei der Hardware-Auswahl und der Connectivity.

CW: Mit welchen Anfangsinvestitionen müssen Kunden rechnen, die zum Beispiel ein Asset Tracking oder eine Predictive-Maintenance-Lösung bei sich installieren wollen?

Reuss: Ich empfehle, sich vorneweg Gedanken über den Business Case zu machen. Wie soll sich die Lösung rechnen, welchen Return on Invest kann man erwarten? Beim Asset Tracking reduzieren Sie die Verluste, die Ihnen durch Schwund oder Diebstahl entstehen. Einem unserer Kunden, einem Anbieter von Softdrinks, wurden die Kühlschränke gestohlen, in denen die Drinks aufbewahrt werden. Da ist der Mehrwert, den ein Asset Tracking durch Diebstahlvermeidung generiert, offensichtlich.

CW: Bei Predictive-Maintenance-Cases ist das anspruchsvoller?

Reuss: Um den Mehrwert von Predictive Maintenance voll auszuschöpfen, braucht man drei Typen von Experten: Einen Domain-Experten, der die Maschine oder Anlage, die überwacht werden soll, sehr gut kennt. Zweitens einen Implementierungspartner und drittens einen Data Scientist, der die für Predictive Maintenance relevanten Muster aus den erfassten Daten extrahiert. Ich hatte einmal den Fall - es ging um die Überwachung von Maschinen - dass ein sehr erfahrener Mitarbeiter Geräusche herausgefunden hatte, die auf einen baldigen Ausfall hindeuteten. Andere Geräusche waren kein Grund, Alarm zu schlagen. Seine Expertise haben wir als Grundlage für unsere Lösung verwendet.

Nächste Seite: Anwendungs-Cases für die Industrie

CW: Was sind neben Asset Tracking und Predictive Maintenance interessante Anwendungs-Cases für die Industrie?

Reuss: Es gibt in der Kernfertigung nach wie vor viel ungenutztes Potenzial. Wie kann ich die Rüstzeiten und den Ausschuss minimieren, die Qualitätssicherung verbessern? Wir haben zurzeit noch einen relativ niedrigen Adaptionslevel, was solche Lösungen angeht.

CW: Also kommt das ganz grosse Geschäft mit der Industrie 4.0 noch?

Reuss: Ich bin mir ganz sicher, dass uns der Boom noch bevorsteht. Das Fertigungsumfeld, zum Beispiel der Logistikbereich, wird in Zukunft von Asset Tracking und Industrie-4.0-Lösungen profitieren – von der Warenannahme, über die Optimierung des Warenflusses bis hin zur Lagerverwaltung. Auch das Asset Tracking selbst lässt sich weiter verbessern. Nehmen Sie die Kühlschränke eines Softdrink-Herstellers: Wir kontrollieren nicht nur wo die Geräte gerade stehen, sondern auch, wie häufig sie geöffnet werden, wer den Kühlschrank öffnet und welches Getränk derjenige dann entnimmt. Die Gastronomie zeigt Interesse an solchen Lösungen. Denken Sie an Weinkühlschränke in einem Restaurant, dort lagern ja doch erhebliche Werte.

CW: Als Dieb, der vorhat, zum Beispiel einen Weinkühlschrank zu stehlen, würde ich das Tracking Device vor dem Diebstahl entfernen.

Reuss: Die Devices lassen sich sehr unauffällig anbringen und müssen oft auch stoss- und wasserfest oder gegen extreme Temperaturen resistent sein - sie müssen schon einiges aushalten können. Es gibt da keine One-fits-all-Lösung, dementsprechend variieren auch die Preise der Devices. Die Lösungen und Anforderungsprofile sind sehr individuell.

Nächste Seite: Warum sollen Unternehmen in IoT/Industrie 4.0 investieren?

CW: Das Bitkom nennt drei Use Cases, die Mehrwert versprechen. Neben Predictive Maintenance den Connected Worker, dem bei der Reparatur komplexer Anlagen digital geholfen wird, und den digitalen Zwilling, nützlich für die Konstruktion und Verbesserung von Anlagen. Bietet OBS solche Services auch an?

Reuss: Wir sind auch in diesen Bereichen unterwegs, gehen aber noch einen Schritt weiter. Wir hängen für Kunden, die das wünschen, auch das Call Center hinten dran.

CW: Mit welchen Argumente überzeugen Sie ihre Kunden, in IoT/Industrie 4.0 zu investieren?

Reuss: Ich frage typischerweise nach den digitalen Produkten und den digitalen Prozessen des Kunden. Das sind die beiden Hauptstossrichtungen: Welche Agenda verfolgt der Kunde? Wo erhält der Kunde schnell einen Return-on-Invest? Mit Asset Tracking lassen sich Logistikprozesse optimieren. Das ist ein Umfeld, in dem man sehr schön zeigen kann, dass sich die Investitionen relativ schnell amortisieren, das heisst, dass ein genau bezifferbarer Return entsteht.

CW: Gibt es typische Alarmsignale, die darauf hindeuten, dass sich eine Firma mit Industrie-4.0-Lösungen beschäftigen sollte?

Reuss: Ich hatte mal ein Gespräch mit einem mittelständischen Unternehmen, das mir gesagt hat: Industrie 4.0, das brauche ich alles nicht, bei uns funktioniert alles bestens. Ich habe mein Geschäft im Griff. Unser Geschäftsmodell ist perfekt. Das war ein Hersteller von Automobil-Zubehörteile für die Luxusklasse. Wir haben dann auf Alibaba recherchiert und herausgefunden: Dort werden die Produkte des KMU zum Kauf angeboten, es gibt die Maschinen, die es zur Fabrikation braucht, beide mit dem Gütesiegel vom TüV Nord, und zu einem Bruchteil der Kosten. Das ist der Anstupser, der einen mittelständischen Unternehmer dazu bringen sollte, sich zu fragen: Wie wettbewerbs- und zukunftsfähig ist meine Firma ohne IoT/Industrie 4.0 eigentlich noch?