Was bringt Industrie 4.0 dem E-Commerce?

Die gesamte Lieferkette im E-Commerce könnte von der Digitalisierung profitieren. Im Interview erklärt Arno Ham von Sana Commerce, wie das möglich ist und wo die Hürden liegen.

von pd/jst 24.08.2017 14:27

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Industrie 4.0 ist eine echte Chance für die Branche. Swissmen, die Vereinigung der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie verwandter technologieorientierter Branchen, kommt nach einer Umfrage seiner Mitgliedsunternehmen zu dem Ergebnis, dass die Schweiz sehr gute Voraussetzungen hat, um das Potenzial der Digitalisierung erfolgreich zu nutzen. Rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmer sehen in Industrie 4.0 mindestens einen direkten Nutzen. Die meisten KMU wie auch Grossunternehmen glauben, dass Industrie 4.0 vor allem die Produktivität steigert und Zusatznutzen für Kunden schafft.

Allerdings: Zwar wird Industrie 4.0 einhellig mit höherer Wertschöpfung verbunden, doch dies auch als Chance für die Weiterentwicklung im B2B-Omnichannel-Vertrieb – speziell in Richtung E-Commerce – zu nutzen, ist noch wenig im Bewusstsein – überraschend, denn: Wie sonst sollen sich Investitionen in Industrie 4.0 auszahlen, wenn nicht durch Umsatzsteigerung, Positionierung im Markt mit wettbewerbsfähigeren Preisen und die Vermarktung entsprechen neuer Geschäftsmodelle.

Im Interview erklärt Arno Ham, Chief Product Officer bei Sana Commerce, wie sich die Digitalisierungswelle auf Abläufe im E-Commerce auswirken werden.

Stellen Ihre Kunden bereits die Verbindung von Industrie 4.0 und E-Commerce her?

Arno Ham: In gewisser Hinsicht schon, aber nur ansatzweise. Wenn wir unsere Kunden aus der Produktions- und Fertigungsindustrie fragen, welche Themen sie derzeit am meisten beschäftigen, geht es zumeist um Umsatzsteigerung, Zahl der Bestandskunden erhöhen und neue Wege, um im Wettbewerb zu bestehen. Diese Antworten lassen vermuten, dass Unternehmen bei der Entwicklung ihrer B2B-E-Commerce-Aktivitäten die Rolle von Industrie 4.0 nur wenig im Blick haben.

Aber gerade die verschiedenen Ausprägungen von Industrie 4.0 – bei denen es oft zunächst intern um die Vernetzung von Maschinen, Systemen, Produkten und Prozessen geht – haben einen erheblichen Einfluss darauf, externe Geschäftsziele zu erreichen.

Kurz: Unsere Kunden haben im Zuge der digitalen Transformation Industrie 4.0 durchaus im Blick, aber es fehlt noch an der Entwicklung entsprechender Geschäftsmodelle und deren Positionierung am Markt.

Zudem sind aktuell viele Hersteller noch damit beschäftigt, die technischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 zu schaffen – etwa damit, Geschäftsdaten aus den unterschiedlichen Systemen, Tabellen oder Unterlagen auf einer einzigen Unternehmensplattform in der Cloud zu konsolidieren.

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Was sind aus Ihrer Sicht als E-Commerce-Anbieter die ersten Schritte für Unternehmen in Richtung Industrie 4.0 und wie könnte die Zukunft aussehen?

Ham: Zunächst einmal sollten Hersteller ihre internen Prozesse und externen Geschäftsabläufe als Einheit betrachten. Entscheidend ist, das Thema Industrie 4.0 mit Frontend-Systemen zu verknüpfen, damit Verbesserungen in Produktion, Logistik sowie in produktbezogenen Leistungen letztlich auch direkt beim Kunden als Kaufargument ankommen.
Nur ein Beispiel: Kaum ein Gerät wird mehr ohne ein Embedded System ausgeliefert – mit Sensoren in Verbindung mit Internet of Things (IoT) liesse sich das After-Sales-Geschäft für Investitionsgüter relativ einfach steigern.

Arno Ham ist Chief Product Officer bei Sana Commerce Arno Ham ist Chief Product Officer bei Sana Commerce © pd

Geht man an den Anfang des Verkaufsprozesses, bieten E-Commerce-Lösungen mit durchdachten Self-Service-Technologen interessante Perspektiven: Sie ermöglichen es, individuelle Produkte online zu konfigurieren und – im Sinne von Industrie 4.0 – und über das dahinterliegende ERP-System den Auftrag direkt an 3D-Drucker bzw. entsprechenden Produktionsmaschinen des Herstellers zu übermitteln. Mithilfe von IoT-Technologie – gesteuert über das ERP-System – wird das Produkt anschliessend in den Lieferprozess eingeschleust, in Zukunft auch über Drohnen- oder fahrerlose Transportsysteme.

E-Commerce-Lösungen mit IoT über die gesamte Lieferkette hinweg sind zwar heute noch Zukunftsmusik, doch in fünf Jahren könnten solche Szenarien zum Alltag gehören. An den Machbarkeitskonzepten wird schon gearbeitet.

Generell ist deutlich: Die Entwicklung, Produkte über IoT mit komplexen «Machine-to-Machine-to-Machine»-Interaktionen zu vernetzen, wird letztlich den gesamten Produktlebenszyklus beeinflussen– von Design, Produktion, Verkauf und Wartung bis hin zum Recycling.

Doch bei der Verbindung von E-Commerce und Industrie 4.0 geht es um mehr, als nur den Prozess von der Bestellung über die Produktion bis zur Lieferung möglichst effizient zu gestalten. Die Daten, die daraus Cloud-basiert erfasst werden, schaffen eine neue Qualität im Online-Handel: Analysen aus E-Commerce- und ERP-Aktivitäten zeigen Einkaufs-Trends und Muster des Marktbedarfs, die direkten Einfluss auf die Produktentwicklung und Produktion nehmen sowie auf Geschäftsmodelle, komplementäre Dienstleistungen und Vertriebsstrategien.

Auf Basis dieser Daten wäre es beispielsweise relativ einfach möglich, die Produktion automatisch auf saisonale Produktlinien umzustellen oder Voraussagen über Bestellvolumina zu treffen. Fertigungsprozesse könnten so gesteuert werden, dass ein personalisiertes Produkt exakt zu dem Zeitpunkt fertig ist, wenn der Kunde es bestellt.

Spannend sind auch die Möglichkeiten, dass Produktionsanlagen eigenständig den Verkauf neuer Produkte vorantreiben - und zwar durch Empfehlungen im E-Commerce-System: Angenommen, ein Kunde bestellt ein personalisiertes Produkt, das im 3D-Drucker erstellt wird. Durch Machine-to-Machine-Analysen liessen sich Kunden identifizieren, die von diesem Produkt ebenfalls profitieren könnten. Und diese würden automatisiert über das E-Commerce-System eine Empfehlung erhalten. Intelligente E-Commerce-Systeme in Kombination mit Maschinen, die durch Industrie 4.0 lernen, das Kundenverhalten immer besser zu verstehen, bringen völlig neue Perspektiven in das B2B-Geschäft.

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Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Hürden für den Erfolg von Industrie 4.0?

Ham: Hersteller müssen zu allererst die technologischen Voraussetzungen dafür schaffen. Ohne die technischen Grundlagen eines standardisierten ERP-Systems mit integriertem E-Commerce und einer klaren Cloud-basierten IT-Strategie sind die Möglichkeiten für «Machine-to-Machine» und «Human-to-Machine»-Interaktionen sehr limitiert.

Hinzu kommt: Um ihren Datenbestand sinnvoll nutzen zu können, müssen Hersteller «Data-Science»-Kompetenzen aufbauen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich diese Fähigkeiten auf breiter Front in den Unternehmen fest etablieren.

Darüber hinaus sind im Umfeld von Industrie 4.0 eine ganze Reihe regulatorische, rechtliche sowie sicherheits- und datenschutztechnische Fragen zu klären, um veränderte Prozesse, Arbeitsabläufe und den Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Systemen zu regeln.

Eine weitere wichtige Herausforderung betrifft die Unternehmens- und Mitarbeiterkultur in einer von Industrie 4.0 geprägten Arbeitswelt. Die Abgrenzung von Verantwortungsbereichen verschwimmt, Rollen, Aufgabenfelder und Kommunikationswege verändern sich. Dies braucht einen sorgfältig moderierten Change Prozess im Unternehmen über alle Hierarchien.

Dies braucht seine Zeit. Doch es ist wichtig, Software-Entscheidungen von heute mit Blick auf deren Zukunftsfähigkeit zu treffen und auf integrierte Lösungen zu setzen für eine durchgängige Verbindung von Produktion zum ERP-System bis hin zum E-Commerce für eine kundenzentrierte Omnichannel-Strategie.

Digitalisierung in der Industrie