VMwares neue Clouds: AWS, IBM, Microsoft und Google

VMware treibt seine hybride Multicloud-Strategie kräftig voran und erleichtert seinen Kunden die performante Vernetzung ihrer Produktiv-Clouds. Interkonnektivität und Sicherheit haben oberste Priorität.

von Michael Kurzidim* 15.09.2017 10:26

In Barcelona hat Virtualisierungspezialist VMware Kunden und Partner diese Woche zur Europa-Ausgabe seiner Hausmesse VMworld geladen. Selbstbewusst und sichtbar gut gelaunt betrat VMware-Chef Patrick Gelsinger die Bühne der Fira Gran Via. VMware hatte das zweite Quartal dieses Jahres mit einem Gewinn von 561 Millionen US-Dollar abgeschlossen, wie das Unternehmen vor einigen Tagen bekannt gab. Darauf kann man schon ein wenig stolz sein, zumal der Mutterkonzern Dell EMC im gleichen Berichtszeitraum kräftig in die roten Zahlen gerutscht ist. VMware war und ist die von Kunden erfolgreich eingesetzte Software-Sahneschnitte des Dell-EMC-Imperiums.

VMware-CEO Pat Gelsinger auf der Bühne in Barcelona VMware-CEO Pat Gelsinger auf der Bühne in Barcelona © VMware

Gelsinger präsentierte in seiner Eröffnungskeynote im Tour-de-Force-Ritt die Neuheiten der letzten Wochen. Den grössten strategischen Markt-Impact dürften die Cloud-Lösungen «VMware Cloud on AWS» und «IBM Cloud for VMware» haben, die jetzt ausgereift für den produktiven Einsatz bereit stehen. Die Partnerschaften mit Microsoft (Azure) und Google (Cloud Platform) will VMware weiter vertiefen. Gelsinger holt damit die vier grössten Cloud-Provider mit ins Boot und katapultiert seine Firma in die Liga der weltweiten Cloud-HyperScaler, ohne selbst massiv in physikalische Infrastruktur investieren zu müssen.

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Rechenzentrum in zwei Stunden

Tiefer ins Detail ging es in den zahlreichen «Breakout Sessions» und «Deep Dives» am Rande des Hauptprogramms. Eric Hanselmann, Chief Analyst bei 451 Research, und Andy Reed von AWS erklärten, wie die VMware Cloud on AWS funktioniert und welche Vorteile für den Kunden dabei herausspringen. «AWS garantiert die physikalische, VMware die virtuelle Infrastruktur, und Sie müssen sich nur noch um ihre Workloads kümmern», sagte Reed.

In weniger als zwei Stunden (für die Erstkonfiguration) soll es möglich sein, in einem der Rechenzentren, die AWS weltweit betreibt, ein eigenes virtuelles Data Center aufzusetzen und in Betrieb zu nehmen. Das verspricht einen hohen Nutzwert, welcher die Flexibilität und Agilität von VMware-Kunden markant erhöht: Sie können Workloads auslagern, Virtuelle Maschinen migrieren und bei Bedarf wieder ins eigene On-Premise-Rechenzentrum zurück holen. Die von Gelsinger vor vier Jahren propagierte Vision vom Software-definierten Data Center (SDDC) wird damit ein grosses Stück weit Realität.

Pat Gelsinger stellt das virtuelle Rechenzentrum vor Pat Gelsinger stellt das virtuelle Rechenzentrum vor © Michael Kurzidim

Einige technische Details: VMware legt auf AWS einen dedizierten Kunden-Account an, der aus Sicherheits- und Performance-Gründen keine Ressourcen mit anderen Kunden teilt (single-tenant, dedicated host). Den Handschlag zwischen Kunde und AWS stellt das vCenter her. Auf AWS laufen ausserdem die VMware-Komponenten vSphere, NSX (Netzwerk), vSAN (Storage) und ESXi (Hardware-Virtualisierer). VMware baut für seine Kunden sozusagen eine VMware-Insel auf der Server- und Speicherinfrastruktur von AWS.

Dadurch, so lautet das Versprechen, werden VMware-Kunden in die Lage versetzt, sämtliche etwa 90 Cloud-Dienste von AWS zu nutzen, darunter etwa die Datenbank-Services EC2, S3, Dynamo DB oder das analytische Data Warehouse Redshift. Nutzer holen sich innerhalb von zwei Stunden externe Ressourcen und zusätzliche Funktionalität mit ins Boot. Und zwar im jederzeit kündbaren Cloud-Mietmodell und 100-prozentig kompatibel mit ihrem On-Premise-Stack.

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IBM Cloud für VMware, DaaS und SAP Hana

«Viele Unternehmen haben fünf oder mehr Clouds im Einsatz», betonte Keri Olson, Director of Engineering IBM Cloud for VMware. Den wesentlichen Mehrwert, den VMware-Kunden aus der IBM-Cloud ziehen können, sieht sie in den kognitiven Services, in der künstlichen Intelligent Watson und im Internet der Dinge. Und natürlich kommt es darauf an, die Interkonnektivität zwischen dem VMware-Software-Stack aufseiten des Kunden und dem VMware-Stack in der IBM Cloud möglichst reibungslos zu gestalten.

Daran hat IBM ein Jahr lang mit Hochdruck gearbeitet und die VMware Cloud Foundation, vSphere, NSX in seiner IBM Cloud for VMware implementiert. Teil des Angebotes sind ausserdem die Sicherheitslösungen von Zerto, Fortinet und die Business-Continuity-Suite von Veeam, die einen unterbruchfreien IT-Betrieb garantiert, falls mal eine Virtuelle Maschine abstürzt oder ein Host das Zeitliche segnet. Für die Migration der Workloads setzt IBM die neue Interkonnektivitäts- und Managementplattform HCX von VMware ein, zu der als eine Software-Komponente unter Vielen auch das alte vMotion gehört.

Voraussetzung für den Einsatz ist jedoch, dass auf beiden Seiten des Migrationspfades VMware-Technologie läuft. Die IBM Cloud offeriert ausserdem die VMware Horizon Cloud Services, ein Desktop-as-a-Service-Angebot (DaaS) und eine zertifizierte Infrastruktur für SAP Hana on VMware, die besonders strenge Anforderungen an Arbeitsspeicher und Hochverfügbarkeit erfüllt.

AppDefence – Sicherheit mit Kopfschmerzen

«Sicherheit und Netzwerke (NSX) sind für uns die beiden grössten Herausforderungen», hörte man an der VMworld in Barcelona von vielen VMware-Offiziellen. Die neue Sicherheitslösung AppDefence machte bereits auf der US-VMworld in Las Vegas von sich reden. Appdefence erstellt für jede Applikation ein Profil (baseline), ein Standard-Gebrauchsmuster, wo auch typische Prozesse und der typische Memory-Gebrauch festgehalten werden.

Bei Abweichungen vom Standardverhalten schlägt AppDefence Alarm. Der Master Host der Sicherheitslösung steht zurzeit jedoch in den USA, was Schweizer und deutsche Unternehmen vom Einsatz abhalten dürfte. In der ersten Jahreshälfte 2018, wenn AppDefence nach Europa kommt, würden Master Hosts aber auch in verschiedenen europäischen Rechenzentren laufen, verspricht VMware.

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5G-Powerbundle für Telcos

Bereits auf dem Mobile World Congress im Frühjahr dieses Jahres hatte Patrick Gelsinger seine vCloud NFV (network function virtualization) angekündigt. Dahinter steckt ein auf Open-Stack basierendes Software-Bundle, das Telekommunikationsanbietern helfen soll, die Netzwerk-Anforderungen des neuen Hochgeschwindigkeitsstandards 5G souveräner und schneller zu meistern.

Das Bundle kombiniert PowerEdge Server von Dell EMC mit Netzwerksoftware von VMware. Als einer der ersten Kunden wurde auf der VMworld in Barcelona die Vodafone Group gross herausgestrichen.

Swisscoms neue Cloud

Aber auch für die Swisscom dürfte VMwares vCloud NFV von Interesse sein. Der Schweizer Telko hatte Anfang September in Zürich seine neuen Enterprise-Cloud-Angebote vorgestellt. In den Swisscom-Rechenzentren zum Einsatz kommen Hardware von Dell EMC und Software von VMware. Swissom CIO und CTO Heinz Herren war prominenter Podiumsgast und lobte auf der Bühne die Zusammenarbeit zwischen VMware und Swisscom in den höchsten Tönen. «Wir bei der Swisscom setzen auf einige wenige, aber sehr starke Partnerschaften», sagte Herren.

Heinz Herren im Gespräch mit VMware-COO Sanjay Poonen Heinz Herren im Gespräch mit VMware-COO Sanjay Poonen © Michael Kurzidim

In weniger als einem Jahr hätten die Teams beider Unternehmen das anspruchsvolle Projekt gestemmt. «Unsere Kunden werden unsere Enterprise Clouds lieben», gab er sich überzeugt. Für Swisscom ist die zusammen mit VMware aufgesetzte Cloud bereits der zweite Anlauf. «Vor fünf Jahren haben wir unsere erste Cloud auf den Markt gebracht, aber die war vertikal organisiert, was sich nicht bewährt hat», erklärte Herren. Swisscom habe daher mit VMware seine Cloud-Architektur reorganisiert.

VMware greift nach Containern

Eine technische Neuheit, die Gelsinger in seiner Eröffnungskeynote erwähnte, könnte in Zukunft wichtig werden: vSphere 6.5 unterstützt Docker Container und vSphere Integrted Containers 1.2 wartet mit Single-Sign-On und rollenbasiertem Zugriff auf. Genauer: Das «Betriebssystem der Cloud» vSphere kann native Docker Hosts provisionieren. Ursprünglich wurden Container von Software-Entwicklern eingesetzt, um Testumgebungen schnell und sicher aufzusetzen.

Die schlankeren Container sind gegenüber den dickeren und schwerfälligeren Virtuellen Maschinen im Vorteil. Wie gross das Potenzial der Container-Technik im produktiven Einsatz sei, das sei noch nicht klar, die Diskussion darüber laufe zurzeit noch, sagte Nigel Moulton, VMware Emea CTO, zu Computerworld. Sollte der Einsatz von Containern demnächst abheben, hat sich VMware in eine gute Startposition gebracht.

* Michael Kurzidim ist freier Technik- und Wirtschaftsjournalist