Top 500: Die Tops & Flops der Schweizer ICT-Branche

Während das krisengeschüttelte Europa einigen Schweizer Firmen das Letzte abverlangte, konnten andere über sich hinauswachsen und ausserdem von aktuellen Trends kräftig profitieren.

von Jens Stark 17.09.2012 10:04

Durchmischt: So darf man das Ergebnis der Top-500-Erhebung von Computerworld für das Finanzjahr 2011 grob umschreiben. Denn auf der einen Seite durften vor allem exportorientierte Firmen aus der ICT-Branche kaum auf Wachstum zählen und mussten sich knallhart im Durchbeissen üben. Grund hierfür sind die schon fast rhythmisch aufeinander folgenden globalen Krisen – auf die Finanz- und Wirtschafts- folgte fast nahtlos die Euro- und Schuldenkrise. Auf der anderen Seite haben zahlreiche ICT-Unternehmen von bestimmten Trends – zum Beispiel Cloud Computing, Virtualisierung und Rechenzentrenboom – ordentlich profitiert und anständige bis traumhafte Wachstumsraten vorzuweisen.

«IT-Investitionen machen Schweizer Unternehmen  konkurrenzfähig – trotz des starken Euros» Hauke Stars, General Manager Hewlett-Packard Schweiz «IT-Investitionen machen Schweizer Unternehmen konkurrenzfähig – trotz des starken Euros» Hauke Stars, General Manager Hewlett-Packard Schweiz

Entsprechend «durchschnittlich» sind dementsprechend auch die mittleren Zuwächse der an der Top-500-Ausmarchung beteiligten Schweizer ICT-Unternehmen ausgefallen. Diese betragen etwas mehr als 6 Prozent. Das ist zwar weniger als im Vorjahr, als die ICT-Hersteller und -Dienstleister gut 10 Prozent zulegen konnten. Es ist aber auch wesentlich mehr als im ausgesprochenen Krisenjahr 2009, als die Top-500-Unternehmen durchschnittlich nur um etwas mehr als 1 Prozent wachsen konnten.

Auch der Gesamtumsatz aller an der Top-500-Auswertung teilnehmenden Firmen ist erneut gestiegen und steuert auf die 56 Milliarden Franken zu. Das sind knapp 5 Prozent mehr als im Vorjahr.

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Verhaltener Optimismus

   

So durchmischt die Umsatzergebnisse sind, so verhalten optimistisch geben sich die Unternehmen, wenn es darum geht, die ICT-Konjunktur für das laufende Jahr zu beurteilen. Nur noch 3 Prozent gehen von einem kräftigen Aufschwung aus. 60 Prozent meinen dagegen, dass der Branche ein leichter Aufschwung bevorstehe. Genau ein Drittel, nämlich 33 Prozent, sehen einer Stagnation entgegen. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass nur eine einzige der 410 Firmen, die an der Umfrage teil­genommen haben, für das laufende Jahr eine stark rückläufige ICT-Konjunktur erwarten, während 4 Prozent von leicht rückläufigen Werten ausgehen.

Die verhaltene Einschätzung ist sicherlich eine Folge der Turbulenzen im Euroraum. Die Hochstimmung des Vorjahres, als nach der
Finanz-, aber noch vor der Eurokrise gut 10 Prozent von einem kräftigen Aufschwung ausgingen, ist somit passé. Am Abgrund wähnen sich die Unternehmen aber dennoch nicht.

Vielmehr wird verhaltener Optimismus  wahrgenommen. «Es ist stark zu vermuten, dass die Investitionsneigung im Schweizer Markt besser war und ist als in einigen anderen europäischen Ländern, die direkter von der Eurokrise betroffen sind», analysiert Hauke Stars, General Manager von Hewlett-Packard (HP) Schweiz. Hinzu komme, so die HP-Schweiz-Chefin, dass Schweizer Unternehmen in besonders hohem Masse bereit seien, IT zur Stärkung ihrer – auch internationalen – Wettbewerbs­fähigkeit einzusetzen.

Für Herstellerfirmen wie HP ist somit der starke Franken mehr ein Segen als ein Fluch. Stars: «Die schwierige Wechselkurssituation hat diese Neigung erhöht: Schweizer Unternehmen wollen noch effizienter – und damit exportfähiger – werden, der gezielte Einsatz von IT ist ein Mittel dafür.»

«Der Kostendruck  ermöglicht eine weitere Industrialisierung der  Firmen-IT in der Schweiz» Christian Keller, Vorsitzender der Geschäftsleitung IBM Schweiz «Der Kostendruck ermöglicht eine weitere Industrialisierung der Firmen-IT in der Schweiz» Christian Keller, Vorsitzender der Geschäftsleitung IBM Schweiz

Das sieht Christian Keller, Vorsitzender der Geschäftsleitung von IBM Schweiz, ganz ähnlich. Er räumt zwar ein, dass der «starke Schweizer Franken und die Schuldenkrise unsere Kunden vor grosse Herausforderungen stellen». In der Folge müssten sie ihre IT und Geschäftsprozesse weiter optimieren. «Dem erhöhten Kostendruck kann mit neuen Technologien begegnet werden, und wir können mit unseren Kunden Lösungen und Anwendungen erarbeiten, die an die veränderten Bedingungen angepasst sind», sagt Keller. «Dies ermöglicht eine weitere Industrialisierung der IT», ist der IBM-Schweiz-Chef überzeugt.

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Tanz mit den Grossen

Krise? Was ist das? Dies dürfte sich auch Apple dieser Tage fragen. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino hat seinen Siegeszug in der Schweiz fortgesetzt und ist erneut um über 50 Prozent gewachsen. Das Ergebnis dieses ungestümen Vorwärtsdrangs: Die Firma hat zu den beiden IT-Riesen IBM und HP aufgeschlossen. Mehr noch: Apple hat den einen der beiden Schwergewichte, nämlich den Blauen Riesen, sogar überholt. Und das nicht einmal allzu knapp: Die Kalifornier haben einen Vorsprung von 100 Millionen Franken auf IBM vorgelegt.

Ob Apple dieses Wachstum allerdings beibehalten kann? Hier muss unweigerlich ein Fragezeichen stehen. Denn ein weiteres Gerät, das alle Welt haben zu müssen glaubt, ist derzeit nicht in Sicht – und auch der Smartphone-Markt wird irgendwann einmal erste Sättigungserscheinungen aufweisen.

   

Nicht ganz so ungestüm wie Apple, aber immer noch ganz ordentlich, schüttelt derweil Google das IT-Establishment durch. Der Suchmaschinenkrösus hat sich in einer Klasse mit IT-Grössen wie Oracle und SAP angesiedelt. Sollte Google den derzeitigen Schwung beibehalten können, wird das Internetunternehmen wohl auch den Software-Hünen Microsoft überholen. Gut 200 Millionen Franken Umsatz trennen die beiden noch voneinander.

Wieder gefangen hat sich dagegen Dell. Die Texaner haben 2011 den langjährigen Abwärtstrend, der sich im Fünf-Jahres-Vergleich (vgl. Grafik 3) manifestiert, umkehren können und sind wieder leicht gewachsen.

Telekomfirmen im Abwärtsstrudel

Nicht im gleichen Masse krisenresistent sind derweil Telekomdienstleister. So weist das Fernmeldemammut Swisscom 2011 mehr als 500 Millionen Franken weniger Umsatz auf als ein Jahr zuvor. Die Poleposition in der Top-500-Ausmarchung ist dem Ex-Monopolisten aber die nächsten Jahre noch sicher. Zu gross ist der Abstand auf den zweitplatzierten HP, der weniger als einen Fünftel des Swisscom-Umsatzes erwirtschaftet. Bei den Herausforderern des Ex-Monopolisten, Sunrise TDC und Orange Communications, resultieren die geringeren Erlöse dagegen in zum Teil bedeutenden Platzverlusten. So musste Sunrise das Podest verlassen und den vorjährigen zweiten Rang mit dem aus Olympiasicht undankbaren vierten Platz tauschen. Orange wiederum purzelte vom fünften auf den achten Platz und wird dort sogar vom zum Telekomunternehmen mutierten Kabelfernsehanbieter UPC Cablecom bedrängt.

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Licht und Schatten

   

Das Überholmanöver Apples sichert dem Unternehmen auch den Platz zuoberst auf dem Podest, was das Wachstum in absoluten Zahlen angeht. Mit 640 Millionen Franken mehr Umsatz im Jahr 2011 lässt es sogar die am stärksten zulegenden Firmen der Schweizer ICT-Szene weit hinter sich. Silber und Bronze holen sich Google sowie Cisco und Oracle mit einem Plus von 160, respektive 150 Millionen Franken. Dieser Zuwachs entspricht etwa einem Viertel dessen, was Apple zugelegt hat. Allein mit dem Plus von 640 Millionen Franken läge Apple unter den Top 20 ICT-Firmen der Schweiz! Dies, um die Grössenordnung des Wachstums des iPad- und iPhone-Herstellers aufzuzeigen.

Interessant ist auch, dass die Mehrzahl der in den Top-Gewinnern aufgeführten Firmen organisch so viel zulegen konnten – von kleineren Akquisitionen der internationalen Unternehmen einmal abgesehen. Einzig Canon hat sich in der Schweiz mit Océ einen grösseren Fisch einverleibt und konnte dadurch um 134 Millionen Franken zulegen. Dadurch erklärt sich auch das mit über 60 Prozent relativ hohe prozentuale Wachstum des Imaging-Spezialisten, das der Firma – neben Apple – auch im zweiten, prozentualen Top-10-Ranking einen Platz sichert.

Nicht mehr ganz so organisch ist das Wachstum, wenn es um jene Unternehmen geht, die prozentual am meisten zulegen konnten. So ergibt sich das mit über 150 Prozent sehr stürmische Zulegen von UMB aus dem Zusammenschluss der Firmen UMB mit Paninfo. Hinzu kommt ein Teil organisches Wachstum, sind doch die beiden Hochzeiter im florierenden Sourcing- und Beratungsgeschäft tätig.

Dass auch mit grösseren Aufträgen das Wachstum auf fast unnatürlich anmutende Art gesteigert werden kann, beweisen dagegen die zweit- und drittrangierten Firmen Ergonomics und Information Factory. Beginnend auf relativ tiefem Umsatzniveau gelang es Ergonomics, mehr Erlös mit dem Kunden PostFinance zu erzielen, während Information Factory im Berichtsjahr zwei Grossprojekte an Land ziehen konnte: mit der Steuerverwaltung des Kantons Zürich und einem Kunden in England.

Andere Umsatzbolzer wie Rtwebdesign, Netgear und Gulp haben das Glück, in einer Teilsparte der ICT-Branche tätig zu sein, deren Dienstleistungen und Produkte sich einer besonders starken Nachfrage erfreuen.

Kajak K1, Slalom, 1. August: Mike Kurt, die Schweizer Kajak-Hoffnung,  verpasste wegen eines gebrochenen Paddels den Einzug ins Finale Kajak K1, Slalom, 1. August: Mike Kurt, die Schweizer Kajak-Hoffnung, verpasste wegen eines gebrochenen Paddels den Einzug ins Finale

Bei so viel Licht muss sich unweigerlich auch Schatten finden: So mussten einzelne Marktteilnehmer herbe Verluste hinnehmen. Einer der Gründe ist der starke Franken und die ungünstige Wechselkursentwicklung. Während die letztjährige Kursentwicklung importorientierten Firmen eher zum Vorteil gereichte – sie konnten die Ware billiger oder mit höherer Marge verkaufen –, leiden exportorientierte unter der Tat­sache, dass der Schweizer Franken vielen als Fluchtwährung dient. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang etwa Huber+Suhner. Daneben gibt es Firmen, die einen Teil ihres Geschäfts – da im europäischen Ausland getätigt – in Euro abrechnen. In der in Schweizer Franken gehaltenen Jahresrechnung macht sich dies dann in sinkenden Umsatzzahlen bemerkbar, obwohl eigentlich nicht «schlecht» geschäftet wurde. Dieser Umstand trifft beispielsweise auf den IT-Dienstleister und Systemintegrator Fincons Group zu, der 20 Millionen Franken weniger erwirtschaften konnte.

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Altlasten und sinkende Margen

Das schlechte Ergebnis der Myriad Group ist nach eigenen Angaben auf eine Altlast zurückzuführen. Der Dübendorfer Hersteller von Handy-Software hatte im Vorjahr noch mit Sagem Wireless (die Firma firmiert heute unter der Bezeichnung MobiWire) einen Deal, der im Laufe des Jahrs 2010 gekündigt wurde. Die
36 Millionen Dollar, die das Unternehmen mit dem französischen Partner 2010 noch umsetzen konnte, fehlt somit in der 2011er-Bilanz – oder konnte nicht durch anderweitiges Wachstum ausgeglichen werden.

Auffallend ist ausserdem die Häufung von Firmen aus dem IT-Services-Geschäft in den Top-10-Verlierer-Tabellen. Der ursprünglich sehr lukrative Charakter des Business’ mit Dienstleistungen hat in den letzten Jahren viele Marktteilnehmer hervorgebracht, die sich alle ein saftiges Stück des Markts ergattern woll­-ten. Die härtere Konkurrenz hat aber nach Angaben der Betroffenen zu einem brutalen Preiszerfall geführt, dessen Auswirkung sich in diesem Jahr in den Bilanzen einiger Anbieter niederschlägt.